Ein Schrittmacher macht aus meinen schlimmen Schmerzen bloß noch harmloses Kribbeln

Tilidin, Gabapentin, Metamizol – dazu noch ein „bisschen“ Ibuprofen. Schon das  Lesen der Schmerzmittelnamen ist eine Zumutung. Wie schwer muss es da erst fallen, Tag für Tag alle diese Wirkstoffe einzunehmen? Eine schlimme Zeit liegt hinter Sabine Prohm. Und die Erinnerung daran ist bei der 60-jährigen Frau aus Wuppertal immer noch sehr präsent.

„Bis Ende Juni 2020 gehörten diese diversen Schmerz-Pillen und -Tropfen quasi zu meiner Basisversorgung“, beginnt sie ihren Bericht. „Ohne die so genannte multimodale Therapie nach WHO-Standardstufe zwei hätte ich den Tag kaum überstanden. Richtig weg gingen die Beschwerden damit allerdings nicht. Sie veränderten bloß ihr Erscheinungsbild. Das heftigen Brennen und Stechen von der Brust herab bis zur Leiste transformierte sich in eine Art bleiernde Kraftlosigkeit, die mir jegliche Energie raubte.“

Experten wissen schon lange um die umfangreichen Auswirkungen chronischer Schmerzen auf die Lebensqualität. Eine aktuelle US-Studie ergab: Fast neun Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, leiden  vorher unter chronischen Schmerzen. Und auch Sabine Prohm musste in der Vergangenheit immer wieder mit solchen depressiven Phasen kämpfen.

Dass es nicht so weit kam, führt die Arztfrau auf einen Zufall zurück – oder auf das Schicksal. Auf jeden Fall auf den Fakt, dass ihr Mann im selben Sportstudio trainiert wie Dr. Thorsten Riethmann (53), Facharzt für Neurochirurgie am Petrus-Krankenhaus in Wuppertal mit Schwerpunkt „invasive Schmerztherapie“ – und dass die beiden Kollegen privat ins Gespräch kamen.

„Damals hatten wir gerade unsere Arzt-Praxis geschlossen – wegen meiner massiven Beschwerden. Nach gut zwei Jahren hatten wir uns von der Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität und einen geregelten Arbeitsalltag verabschiedet. Fast zwanzig Jahre waren mein Mann und ich als Team unterwegs. Mein Mann als Proktologe, ich als Praxismanagerin. Und dann – im März 2018 – traten nach einem anstregenden Arbeitstag zusammen mit diesen merkwürdigen Pickeln auf dem Rücken die Schmerzen in mein Leben.“

Sabine Prohm macht zunächst eine allergische Reaktion auf ein Duschgel für die roten Pusteln verantwortlich, die sie im Spiegel an sich entdeckt. Nachts wecken sie so massive, akute Beschwerden, die sich von der Brust bis zur Leiste ziehen, dass sie am nächsten Morgen sofort ins Krankenhaus statt in die eigene Praxis fährt. „Dort vermuteten die Ärzte eine Lungenembolie, verordneten mir Blutverdünner. Ich dagegen hegte Zweifel, da die Schmerzen immer schlimmer wurden.“

Tatsächlich erhält die leidgeprüfte Frau erst im Oktober 2019 die richtige Diagnose „Chronisches Schmerzsyndrom nach Herpes Zoster“. Da hat Sabine Prohm bereits drei weitere Klinikaufenthalte hinter sich. Wie bei rund 700.000 Bundesbürgern jährlich hat bei ihr ein Wiedererwachen der Windpocken-Erreger eine „Gürtelrose“ ausgelöst. Und wie bei fast jedem dritten Betroffenen haben die Viren die Nervenbahnen beschädigt, über die sie sich ausbreiten.

„Obwohl mein Körper das Varizellen-Herpes-Virus in der Zwischenzeit zurückgedrängt hatte, war der Schmerz geblieben. Chronifiziert. Deshalb wurde ich auf eine multimodale Schmerztherapie eingestellt“, erinnert sich die früher leidenschaftliche Ballett-Tänzerin. „Vorübergehend halfen die Schmerzmittel dann auch. Genauso wie das Yoga, zu dem die Therapeutin mir geraten hatte. Doch Anfang 2020 verschlechterte sich mein Zustand. Zweimal brach ich vor Schmerzen regelrecht zusammen – und dann kam mein Mann mit der Adresse von Herrn Dr. Riethmann nach Hause“

Sabine Prohm vereinbart umgehend einen Termin im Institut für Neuromodulation am Petrus-Krankenhaus, erfährt dort erstmals von der Möglichkeit, Schmerzen – statt mit Medikamenten – per Strom zu behandeln. „Dazu implantieren wir Elektroden in die Nähe des verletzten, schmerzhaften Nerven und geben Stromimpulse ab“, erläutert ihr Dr. Thorsten Riethmann. „Durch die Überlagerung der Ursprungssignale lässt im Gehirn das Schmerzempfinden nach. Stattdessen spüren die Patienten lediglich ein angenehmes Kribbeln“, so der Neurochirurg weiter.

In Wuppertal kommt unter anderem ein Modell zum Einsatz, das auf modernster Stimulationstechnik beruht. Wie beim Smartphone wird statt eines Dauersignals ein begrenzter Stromimpuls mit programmierbarer Frequenz übertragen.

„Der Vorteil: das Signal wird vom Patienten kaum wahrgenommen, entwickelt gleichzeitig sehr gute schmerzlindernde Effekte“, erklärt Dr. Riethmann, der mehrere Schrittmacher klinisch getestet hat. „Über eine kleine Fernbedienung kann der Patienten je nach Schmerzsituation festprogrammierte Programme abrufen und in ihrer Intensität regeln. Außerdem kann der Schrittmacher per Induktionsspule, ähnlich einer elektrischen Zahnbürste, regelmäßig aufgeladen werden und hält so bis zu zehn Jahre.“

Sabine Prohm willigt umgehend ein. Die Behandlung erfolgt – wie üblich – in zwei Sitzungen. „Beim ersten Eingriff wurden mir unter örtlicher Betäubung und unter Röntgen-Kontrolle zunächst die beiden Elektroden in Höhe des Brustkorbs implaniert“, erzählt sie.

„Während des Eingriffs lokalisierte Dr. Riethmann mit meiner Unterstützung den genauen Schmerzort, um dort unter der Haut die Elektroden zu setzen und intraoperativ auch gleich probeweise anzusteuern. Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für ein tolles Gefühl war, als dieses leichte, angenehme Kribbeln erstmalig den quälend-unangenehmen Schmerz komplett verdrängte. Am liebsten hätte ich mir gleich den Schrittmacher fest einbauen lassen!“

Doch vorher muss sie sich noch ein paar Tage gedulden. Sie bekommt für den Übergang einen externen Test-Schrittmacher. Darüber werden während des stationären Aufenthalts auch die individuellen Stimulationsprogramme angepasst und optimiert – sowohl in Ruhe, als auch unter Belastung. Dann erfolgt die endgültige Versorgung mit dem Schrittmacher-Implantat unter örtlicher Betäubung nach der häuslichen Belastungserprobung.

„Wenn wir nachweisen konnten, dass durch die Neurostimulation die chronischen Schmerzen um die Hälfte oder mehr gelindert werden können, wird im zweiten Eingriff der Impulsgenerator fest in einer Gewebetasche eingepasst und mit den vorhandenen Elektroden verbunden“, erklärt Dr. Riethmann den Ablauf. „Damit ist das gesamte System unter der Haut verschwunden. Die Patienten können, nach Abschluss der Wundheilung, wieder problemlos am Leben teilhaben, baden oder auch in die Sauna gehen.“

Sabine Prohm ist bis heute von der Wirkung des Schrittmachers total fasziniert. „Durch die exakte Programmierung erfolgt die Stimulation exakt in dem Bereich, in dem ich früher die Schmerzen hatte“, strahlt sie begeistert. „Vom ersten Tag an konnte ich die Medikamente absetzen. Neben dem Basisprogramm nutze ich vor allem ein Aktivitätsprogramm. Damit kann ich sogar wieder meinem Hobby nachgehen, das ich seit dem zehnten Lebensjahr habe: Ballett-Tanz. Für mich ist ein Wunder wahr geworden: Lag ich vorher auf einer Schmerz-Skala von eins bis zehn zwischen acht und neun, pendelten sich nun die Beschwerden zwischen eins und zwei ein!“

Fünf Fragen an den Experten – Dr. Thorsten Riethmann, Leiter des Institus für Neuromodulation, Petrus-Krankenhaus in Wuppertal

Für wen kommt der Schmerzschrittmacher in Frage? Leider reicht die mulitmodale Schmerztherapie mit Medikamenten und krankengymnastischen Anwendungen nicht immer aus. Wenn Schmerzen weiter das Leben belasten oder die Nebenwirkung der Medikamente zu stark werden, ist der Schmerzschrittmacher als minimalinvasiver schmerztherapeutischer Eingriff– wir sagen die Neuromodulation oder funktionelle Neurochirurgie – eine gute Möglichkeit, um eine deutliche Schmerzlinderung zu erzielen.

Wie sicher ist das Verfahren? Seit Ende der  1980er Jahren wird der Eingriff  eingesetzt. Seitdem wurde die Methode stetig weiterentwickelt und optimiert. Zusätzlich belegen viele klinische Studien die gute Wirksamkeit, Verbesserung der Lebensqualität und die damit einhergehende erhebliche Reduzierung der Medikamentendosis. Die Patienten nehmen wieder aktiver am sozialen Leben teil, können besser schlafen und durchbrechen somit den den Teufelskreis Schmerz. 

Wie funktioniert die Neuromodulation? Die Schmerzsignale, die für den chronischen neuropathischen Schmerz verantwortlich sind, werden durch den Strom gehemmt. Akute Schmerzen werden allerdings weiterhin vom Gehirn wahrgenommen, z.B. wenn sie sich schneiden oder stoßen.

Welche Krankheiten können per Neuromodulation behandelt werden? An erster Stelle stehen bei uns die chronischen, neuropathischen Rücken-Beinschmerzen nach Bandscheiben-Vorfällen bzw. -Operationen. Auch Beinschmerzen auf Grund von Durchblutungsschmerzen – die so genannte PAVK – oder chronische Knieschmerzen zählen dazu. Selbst Angina Pectoris, Leistenbeschwerden oder Phantomschmerzen gehören dazu. In der Regel können wir fast alle chronischen, neuropathischen  Schmerz-Syndrome behandeln.

Wie komme ich in die Schmerzsprechstunde und was kostet die Therapie? Für einen Termin brauchen Sie nur eine Überweisung vom behandelnden Arzt. Die Therapie ist eine Kassenleistung.

Hintergrund „Chronische Schmerzen“

Schmerz, lass‘ nach – bis zu elf Millionen Deutsche können von diesem guten Gefühl nur träumen. Bei ihnen ist die Pein in Rücken, Kopf oder Gelenken, aber auch in Folge von Osteoporose, Diabetes oder anderen Erkrankungen chronisch. Dieser so genannte „böse“ Schmerz hat seine Warnfunktion verloren. Schlimmer noch: Er hinterlässt im Nervensystem Erinnerungsspuren. Man spricht vom so genannten Schmerzgedächtnis. Folge: Obwohl der Auslöser bereits weg ist, bleiben die Qualen bestehen.

Mehrere Studien belegen, dass in einer solchen Situation auch unter optimaler medikamentöser Therapie nur jeder zweite Patient eine ausreichende bis gute Schmerzlinderung erfährt. Insgesamt ein Drittel aller Patienten mit chronischen Beschwerden bleiben unbehandelt.

Kontakt: Petrus-Krankenhaus. Institut für Neuromodulation, Leiter:  Dr. Thorsten Riethmann, Carnaper Straße 48, 42283 Wuppertal, Telefon: 0202-299-2536

www.petrus-krankenhaus-wuppertal.de

© medizin-reporter.blog/André Berger

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages