„Ausreichend Flüssigkeit, pflanzliche Senföle und wohlige Wärme löschten das Dauerfeuer in meiner Blase“

Abgesagt. Eigentlich hatte sich Jutta Koessmann (47, Name geändert) damit abgefunden, dass es in Zeiten von Corona mit Urlaub Ende Mai nichts wird. „Um genau zu sein, mit der Reise nach Mallorca“, korrigiert sich die Speditionskauffrau aus Lüneburg. „Die freien Tage hatte ich ja schon Ende 2019 genehmigt bekommen. So sah ich mich die freien Tage zu Hause verbringen.“

Umgeplant. Mit der Lieblingsinsel der Deutschen wurde  es tatsächlich nichts. „Dafür tat sich aber eine andere Tür auf. Vierzehn Tage vor Urlaubsbeginn rief eine Freundin bei mir an: Sie hätte ein Appartment auf Sylt ergattert. Ob ich Lust und Zeit hätte, mitzukommen“. Selbstverständlich hatte Jutta Lust.

Erfrischend. „Aus diesem Grund spazierte ich zwei Wochen später am Ellenbogen – statt am Strand von Cala Millor – entlang. Es tat gut, nach all den Ereignissen zur Ruhe zu kommen und sich frischen Wind um die Nase wehen zu lassen. Einmal versuchte ich sogar, zu baden – aber Ende Mai war die Nordsee doch noch ein bisschen kalt!“

Schmerzhaft. Die Quittung folgte auf dem Fuße.  „Bereits am nächsten Tag wurde ich vom Gefühl geweckt, als ob ein Feuer in meinem Unterleib brennen würde“, erinnert sich Jutta Koessmann. „Die Schmerzen strahlten über die Flanke Richtung Nieren aus. Dazu der ultimative Harndrang, zur Toilette zu müssen. Beim Wasserlassen kratzte, biss und stach es höllisch – und brachte dennoch kaum Linderung. Fünf Minuten später musste ich schon wieder.“

Bekannt.  Die Symptome kannte die schlanke, sportliche Frau genau. Bereits seit vier Jahren führte die kleinste Unachtsamkeit bei ihr zur Blasenentzündung. „Mal verkühlte ich mir auf einer Bank den Po. Dann waren kalte Ledersitze im Auto der Auslöser“, schildert sie den Krankheitsverlauf. „Manches Mal hatte ich das Gefühl, als ob man mir die Eingeweide herausreißen würde. Aufgrund der Beschwerdestärke ging ich generell immer zum Arzt – und kam stets mit Antibiotika zurück. Daran wollte ich auch diesmal nichts ändern, gab auf meinem Smartphone ,Sylt‘ und ,Urologie‘ ein – und bekam Kontakt zu Dr.Wolfgang Bühmann.

Unerwartet. „Bei einer Blasenentzündung bedarf es in vielen Fällen gar keiner Antibiotika“, überraschte der erfahrene, 62-jährige Urologe seine Patientin, nachdem sie nachmittags in die Sprechstunde gekommen war. „In den letzten 30 Jahren sind Antibiotika leider viel zu oft und häufig unreflektiert verschrieben worden.“

Sinnlos. Folge ist, dass es immer mehr Bakterien gibt, bei denen die „einstigen Wunderwaffen der Medizin“ nicht mehr wirken. Hinzu kommt, dass Antibiotika die Darm- und Scheidenflora schwächen. Dr. Bühmann: „Das begünstigt dann die erneute Blasenentzündung – ein sinnloser Kreislauf, da es für schädliche Keime bei Frauen generell ein leichtes ist, über die kurze Harnröhre (drei bis fünf Zentimeter gegenüber 20 Zentimeter bei Männern) aufzusteigen.“

Risiko. Ob zur Behandlung der Beschwerden eine lediglich symptomatische Therapie mit Schmerzmit­teln oder Arzneipflanzen ohne antibak­terielle Wirkung in Frage kommen, ist sorgfältig abzuwägen. Denn es besteht das Risiko, eine Nierenbeckenentzündung zu bekommen, wenn die krankheitsauslösenden Erreger nicht eliminiert werden. Daher sollte bei der Wahl des Arzneimittels die antibakterielle Wirkung im Vordergrund stehen.

Alternative. Um den Patienten den Ausstieg aus diesem Kreis zu erleichtern, setzt der Urologe nach Ausschluss anatomischer Ursachen für die Harnwegsinfektion bei einfachen Verläufen auf einen Mix aus antibakteriell wirksamer Phytotherapie, ausreichend Flüssigkeitszufuhr und wärmende Kleidung. „Da die Urologie bereits in Zeiten vor Antibiotika viele positive Erfahrungen mit pflanzlichen Inhaltsstoffen gesammelt hat, empfehle ich meinen Patienten die Selbstbehandlung insbesondere mit Senfölen, z.B. aus  Meerrettich und  Kapuzinerkresse.“

Verträglich. Die Kombi der beiden Schärfestoffe, mit denen sich die Pflanzen vor Fressfeinden schützen, ist bereits wissenschaftlich untersucht. Die Senfölkombination wirkt antibakteriell, antiviral und sogar entzündungshemmend.

Schutz. „Zudem hemmen die Senföle das Anhaften der Bakterien an die Zellen der Blasenwand und können so wiederkehrende Blasenentzündungen verhindern,“ ergänzt Dr. Bühmann. „Denn normal heften sich die Krankheitserreger gerne an die Zellen der Harnblasen-Innenwand und können so in die Zellen eindringen. Hier sind sie für chemisch-synthetische Antibiotika kaum mehr erreichbar. Es wird vermutet, dass E. coli-Bakterien aufgrund dieses ,Schutzmechanismus‘ auch für häufig wiederkehrende Blasenentzün­dungen verantwortlich sein könnten.

Verträglich. Weiter erklärt der Experte: „Da bei Blasenentzündungen die Beschwerden primär durch die Entzündungsreaktion verursacht werden, ist es wichtig, dass die Senföle nicht nur die Verursacher der Erkrankung – also die Bakterien – bekämpfen, sondern auch gegen die Entzündung wirken. Dabei sind sie hervorragend verträglich. Aufgrund des vielfältigen Wirkmechanismus der Senföle wird bei Bakterien die Entwicklung möglicher Resistenzmechanismen gegen diese Pflanzenstoffe deutlich erschwert.“

Kombination. Als Anfangsdosis verschreibt Dr. Bühmann Jutta die ersten fünf Tage viermal fünf Tabletten des Senfölgemischs (z.B. Angocin). Um die Keime zusätzlich  rein mechanisch  möglichst schnell aus dem Körper zu bekommen, rät der Experte außerdem dazu, täglich mindestens zweieinhalb Liter Tee oder Wasser zu trinken und die Barrierefunktion der Scheide durch Wärme zu stabilisieren.

Kältefallen. „Das Problem ist nämlich, dass Kältefallen, wie zum Beispiel nasse Badeanzüge oder Sitzen auf kühlen Flächen, zur Minderdurchblutung der Haut und Schleimhäute führen. Und das führt wiederum zu einer lokalen Immunschwäche im Beckenbereich. Also achten Sie  bei der Unterwäsche auf wärmende Materialien.“

Wirkung. Vom Erfolg der Therapie ist Jutta Koessmann beeindruckt. „Dank der zusätzlich eingenommenen Schmerzmittel war ich bereits am Abend schmerzfrei. Die Beschwerden beim Wasserlassen ließen dann nach drei Tagen nach. Nach fünf Tagen reduzierte ich die Senföl-Dosis auf drei mal drei. Schmerztabletten brauchte ich keine mehr. Nach einer Woche war dann der ganze Spuk vorbei – im Prinzip genauso schnell wie mit Antibiotika. Nur, dass ich mich wesentlich fitter dabei fühlte und auch noch den Urlaub genießen konnte.“

Rückkehr. Wie nachhaltig die Therapie-Kombination auch mittelfristig ist, stellt Jutta nach Rückkehr nach Lüneburg fest. „Ich hatte kurz auf einem kalten Boden gesessen, spürte am Abend bereits erste, leichte Symptome. Da ich von den Tabletten noch welche da hatte, nahm ich drei mal vier Tabletten am Tag. Das Geniale: bereits einen Tag später war ich beschwerdefrei. Ich habe dann noch ein paar Tage weiter die Phytotherapie fortgeführt, viel getrunken und mich warm gehalten. Das Feuer in meiner Blase kehrte nicht zurück. Endlich habe ich Ruhe– und freue mich, den Sommer unbeschwert genießen zu können.“

Hintergrund Harnwegsinfektionen:

Rund zwei Millionen Frauen erkranken pro Jahr in Deutschland an einer Harnwegsinfektion. Mit Antibiotika bekommt die Medizin die Beschwerden zwar in der Regel schnell in den Griff, doch vielen Frauen kann so nur vorübergehend geholfen werden: Sie erleiden einen Rückfall – manchmal bis zu fünf, sechs Mal pro Jahr. Ursache ist meist eine Entzündung, die von verschiedenen Erregern, überwiegend von E.coli-Bakterien, hervorgerufen wurde.

Bislang ist man immer davon ausgegangen, dass die Keime akut über die Harnröhre in die Blase vorgedrungen sein müssen, da die Harnwege normalerweise steril sind. Inzwischen mehren sich allerdings Hinweise, dass gerade bei älteren Patientinnen – ähnlich wie auf der Haut – die Schleimhaut der Blase über ein sog. Mikrobiom verfügt, eine einzigartige Schutzschicht aus Mikroorganismen. In dieser Schicht halten gute Keime die bösen Erreger in Schach. Die Gabe von Antibiotika hebelt dieses Gleichgewicht aus und verschiebt den Schwerpunkt Richtung aggressiver Keime. Folge: Die nächste Hanrwegsinfektion kommt bestimmt.

Vier Fragen an Dr. Wolfgang Bühmann 

Warum werden gerade jetzt so viele  Frauen von Blasenentzündungen heimgesucht? Frauen erkranken aufgrund ihrer kürzeren Harnröhre leider besonders oft. Unterkühlungen – z. B. im Sommer eine nasse Badehose oder ein kurzer Rock – schwächen ihren Barriereschild, der den Intimbereich vor Bakterien schützt. Vor allem Erreger vom Darm können dann rasch aufsteigen

Warum versuchen Sie, auf Antibiotika möglichst zu verzichten? Zwar bekommen Antibiotika die Keime – in zwei von drei Fällen E.coli-Bakterien – schnell in den Griff. Doch die chemisch-synthetischen Präparate haben oft erhebliche Nebenwirkungen auf den sensiblen Magen-Darm-Trakt und die schützende Vaginalflora. Gute Keime werden weniger, aggressive breiten sich aus. Auch das begünstigt den nächsten Infekt. So kehrt die „Cystitis“ bei jeder vierten bis fünften Frau zurück.

Was kann ich bei einer Blasenentzündung selber tun? Sofern kein Fieber vorliegt und die Nieren nicht betroffen sind, rate ich meinen Patienten, den Infekt ruhig erst einmal mit antibakteriell wirksamen pflanzlichen Senfölen und genügender Trinkmenge selbst zu behandeln. Vorteil hierbei ist, dass die Therapie oft viele Stunden früher beginnen kann, als wenn sie darauf warten müssen, bis ein Arzt ein Rezept ausstellt. Zudem wird die Senföltherapie deutlich besser vertragen und Resistenzen werden vermieden.

WICHTIG: Die Selbstbehandlung findet ihre Grenze bei Fieber >38°, Schmerzen seitlich unter den Rippen, anhaltender Blutbeimengung im Urin oder über fünf Tagen bestehenden Schmerzen beim Wasserlassen. Dann ist ein Arztbesuch angesagt !

Wann sollte ich zum Urologen? Wer zwei Mal in sechs Monaten bzw. drei Mal pro Jahr unter lästigem Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen leidet, sollte zum Spezialisten gehen. Hier könnte eine organische Schwäche Auslöser sein. Medikamente allein helfen dann nicht weiter. Es ist sinnvoll, organische Ursachen wie Fehlbildungen, Blasensteine oder Blasenfunktionsstörunen als Ursache für die Infekte auszuschließen Und selbstverständlich gehört zu jeder Abklärung einer wiederholten Harnwegsinfektion auch die Untersuchung des Darms und der Vaginalschleimhaut. 

Info Antibiotika-Resistenz

Jeder vierte Patient bekommt mindestens einmal pro Jahr Antibiotika verordnet – pro Jahr sind das rund 600 bis 700 Tonnen in Deutschland. Doch mit jeder Einnahme steigt die Gefahr der Entwicklung resistenter Keime in unserem Körper. Die einstige Wunderwaffe gegen Bakterien verliert zunehmend ihre Wirkung.

Hintergrund. Ursache ist unter anderem die Bildung unerwünschter „bakterieller Biofilme.“ Mit diesem Schutzschild wehren sich Bakterien gegen antimikrobielle Substanzen. Chemisch-synthetische Antibiotika werden bei solchen Infektionen, die durch Biofilm-bildende Bakterien ausgelöst werden, nahezu unwirksam.

Alternative. Kanadische Wissenschaftlern haben aktuell die bekannte Beobachtung belegt,  dass sekundäre Pflanzenstoffe wie Senföle gegen solche bakteriellen Abwehrstrategien „gewappnet“ sind. Die Schwefelverbindungen aus Kapzinerkresse und Meerrettich unterbinden die Bildung der Biofilme und umgehen die Resistenzmechanismen der Erreger. Das erklärt, warum selbst bei Langzeitgabe Bakterienresistenzen gegen die Senföle unbekannt sind.

Info-Kasten Senföle

Pflanzlich. Traditionell haben sich Kapuzinerkresse und Meerrettich bei Infektionen der Harnwege und der Atemwege (Bronchitis, Sinusitis) gut bewährt. Durch die Kombination der Arzneipflanzen ergibt sich ein großes Spektrum therapeutisch relevanter Inhaltsstoffe, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig noch verstärken.

Wirkung. Im Gegensatz zu chemisch-synthetischen Antibiotika wirken die Pflanzenstoffe dreifach: nicht nur gegen Bakterien, sondern auch gegen Viren. Zusätzlich wird die Entzündung gehemmt.

Dabei ist die Therapie von Erkältungskrankheiten und Blasenentzündungen mit Senfölen besonders verträglich. Die Pflanzenstoffe töten nämlich nicht die für die Verdauung und Immunabwehr nützlichen Darmbakterien ab. 

Dosis. Bei akuten Beschwerden gibt es standardisierte Präparate in der Apotheke. Je nach Schweregrad des Infektes nehmen Sie drei bis fünf Mal täglich vier bis fünf Filmtabletten unzerkaut mit etwas Flüssigkeit nach den Mahlzeiten ein. Zur Vorbeugung eines Rückfalls empfehlen Experten zweimal täglich zwei Filmtabletten – am besten nach dem Essen.

Infos: www.pflanzliche-antibiotika.de

© medizin-reporter.blog/André Berger

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages