„Alle dachten, ich hätte Gallensteine – dabei leide ich unter Enzymmangel!“

Erkenntnis. „Die Müdigkeit vor allem nach dem Mittag war lästig. Gleiches galt für die Konzentrationsstörungen. Hätte ich gewusst, dass das alles schon Symptome sind, wäre ich früher aktiv geworden“, erzählt Meike Lemke (45, Name geändert). Doch so schiebt die Versicherungsangestellte aus Berlin die Beschwerden kurzerhand auf den vollen Bauch, der nach schwerer, fettreicher Küche bekanntlich nicht gern studiert.

Überforderung. „Mit viel Kaffee quälte ich mich ein, zwei Jahre über den Nachmittag. Je nachdem, was es in der Kantine gab, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Zuhause ernährte ich mich längst von Toastbrot, Haferflocken und laktosefreier Milch. Besser wurde es nicht. Statt dessen kamen diese gürtelförmigen Bauschmerzen und das unangenehme Völlegefühl dazu. Da wusste ich, dass ich es allein nicht in den Griff bekomme.“

Typisch. Die Ursache scheint schnell gefunden: Anfang 2019 scannt ein Facharzt für Innere Medizin per Ultraschall den Bauch der Frau. Rechts unterhalb des Brustbein tauchen diverse kleine, helle Vierecke in der Gallenblase auf. „Dachte ich es mir doch“, triumphiert der Internist. „Sie leiden unter Gallensteinen. Das kommt häufiger bei Frauen vor, die – wie Sie – blond und Mitte vierzig sind. Der einzige Risikofaktor, der bei Ihnen  fehlt, ist  Übergewicht.“

Folgerisiko. Aufgrund des Beschwerdebild schickt der Mediziner seine Patientin weiter ins Krankenhaus. Hier rät der Chirurg, sich möglichst bald operieren zu lassen. „Aktuell wäre alles normal“, erinnert sich Meike an das Aufklärungs-Gespräch. „Es bestünde allerdings das Risiko, dass sich ein Gallenstein löst und verklemmt. Folgen wären nicht bloß schlimme Schmerzen. Sondern – über die Kolliken hinaus – eine Behinderung des Abfluss der Gallen- und Bauchspeicheldrüsensäfte. So drohe die Gefahr, dass die Verdauungssäfte die inneren Organe angreifen. Alles  fürchterlich gefährlich!“

Enttäuschung. Ziemlich eingeschüchtert, stimmt Meike Lemke dem „Wahl-Eingriff“ zu – auch weil sie hofft, dass mit den Gallensteinen die anderen Beschwerden verschwinden. „Leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht“, blickt die sonst so aktive Frau zurück. „Speziell fettreiches Essen bereitete mir weiter erheblich Probleme – aus Angst vor Verdauungsbeschwerden zog ich mich immer mehr zurück.“ 

Zweifel. Zwar erholt sich Meike dank des minimal invasiven Zugangs rasch von der OP. Doch mit Abschluss des Kostaufbaus kehren die bekannten Beschwerden innerhalb weniger Tage zurück. „Als ich den Internisten darauf aufmerksam machte, zuckte der hilflos mit den Schultern.  Dann ist es vielleicht doch ein Reizdarm“, habe ich seine Worte noch im Ohr. Wirkliche Hilfe sieht für mich anders aus.“

Alternative. Aufmerksam wird die 45-Jährige, als eine Bekannte von der Hausarztpraxis Sandow schwärmt. Seit 25 Jahren wird hier in Berlin-Charlottenburg moderne Allgemeinmedizin mit wissenschaftlich belegter Naturheilkunde kombiniert. „Kann ja nicht schaden, eine Zweitmeinung einzuholen, dachte ich mir und  ließ mir einen Termin geben“, erzählt Meike.

Häufig. „Auch wenn keiner gerne über seine Verdauungsprobleme spricht: Sie sind kein Einzelfall,“ ermunterte die Fachärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde ihre Patientin. „Wir schätzen, dass inzwischen jeder Dritte ab und zu Probleme mit dem Bauch hat. Fast das Wichtigste ist erstmal eine genaue Diagnostik. Der Befund ,Reizdarm‘ steht nämlich am Ende – nachdem alle anderen Krankheits-Möglichkeiten ausgeschlossen wurden. Und nicht – wie bei Ihnen – nachdem sich der Erstverdacht nicht bestätigt hat. “

Verdächtig. Was der Hausärztin gleich eigenartig vorkommt, ist Meikes Bericht von den starken Bauchgeräuschen, den Krämpfen im Oberbauch, dem explosionsartigen Toilettenzwang und den Blähungen. „Deshalb ließ ich eine Blut- und eine Stuhlprobe ins Labor schicken“, berichtet sie. „Drei Tage später bestätigte der Befund den Anfangsverdacht: der deutliche Mangel der Enzyme Lipase und Amylase im Blut bzw. der Pankreas-Elastase im Stuhl weist auf eine klassische Pankreasinsuffizienz hin – eine Störung der Produktion von Verdauungsenzymen in der Bauchspeicheldrüse.

Überflüssig. Experten schätzen, dass etwa jeder zehnte Patient, der mit diffusen Bauchbeschwerden in die Sprechstunde kommt, tatsächlich an einer sogenannten „Exokrinen Pankreasinsuffizienz“ – kurz EPI – leidet. Häufig werden solche vermeintlich geringfügigen und als peinlich empfundenen Verdauungsproblem nicht ernst genommen, dann viel zu lange ertragen. „Unnötigerweise“, ist sich Dr. Sandow sicher. „Denn die benötigten Verdauungsenzyme können dem Körper einfach zur Mahlzeit in Form von Kapseln zugeführt werden.“

Normalisierung. Vor allem Lipase, Protease und Amylase können die ausreichende Verdauung von Fetten, Eiweißen und Kohlhydreaten wiederherstellen. Dadurch können die Betroffenen wieder weitgehend zu ihren gewohnten Essgewohnheiten zurückkehren.

Compliance. „Gerade Frauen haben allerdings Bedenken, weil die Enzyme klassischerweise aus der Bauchspeicheldrüse von Schlachtschweinen hergestellt werden,“ weiß die Ärztin. „Da gibt es aber Alternativen. Verdauungsenzyme aus Reispilzen. Diese Riezoenzyme wirken genauso effektiv und schnell und sind sogar von Natur aus säurestabiler. Eine gute Nachricht für alle Vegetarier und Menschen, die aus anderen Gründen tierische Produkte meiden!“ Zumal auch die Kapsel aus pflanzlicher Cellulose anstelle von tierischer Gelatine hergestellt wird. 

Simpel. Meike Lemke kann sich das Enzym-Präparat einfach in der Apotheke besorgen und tastet sich dann bei der Dosis langsam heran. „Gute Erfahrung habe ich mit jeweils zwei kleinen Kapseln pro Mahlzeit gemacht, die ich unzerkaut einfach mit einem Schluck Wasser dazu eingenommen habe“, erzählt sie.

Erfolg. „Was mich wirklich verblüfft hat, war der umgehende Wirkungs-Eintritt: ab der ersten Einnahme waren die Schmerzen kaum noch spürbar. Und auch die Blähungen blieben aus. In den nächsten ein bis zwei Wochen normalisierten sich  dann Stuhlfrequenz, -farbe und -konsistenz. Heute kann ich wieder alles essen – ohne hinterher tausend Tode zu sterben. Das ist ein wirkliches Stück Lebensqualität!“

Infokasten
Stoffwechseltalent Bauchspeicheldrüse

Das zirka 80 Gramm Leichtgewicht zwischen Magen und Darm stellt täglich bis zu zwei Liter Verdauungsspeichel her. Dieser enthält bis zu 30 Gramm Enzyme, die im Dünndarm Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate spalten. Zusätzlich sitzen auf dem 16 Zentimeter kleinen Organ eineinhalb Millionen „Langerhans-Inselzellen“. Sie schütten bei Bedarf Insulin aus. Das Hormon hält den Blutzuckerspiegel in Balance.

Fünf Fragen an Dr. Petra Sandow, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Berlin

Gibt es eine spezielle EPI-Diät? Außer Reduktion bzw. komplette Meidung von Alkohol gibt es eigentlich keine großen Einschränkungen bei einer Bauchspeicheldrüsenschwäche. Wenn Sie Enzympräparate einnehmen, können Sie fast alles essen. Wichtig ist, dass Sie über den Tag verteilt besser vier bis sechs kleinere Mahlzeiten zu sich nehmen, als zwei große; dass Sie langsam kauen und sich ausreichend Zeit fürs Essen nehmen; dass Sie auf eine ausgewogene, abwechlsungeiche und nicht zu fette Ernährung achten.

Und was ist mit dem Lifestyle-Change? Hier gilt, alles was der Verdauung gut tut, ist generell bei der Pankreasinsuffizienz auch hilfreich. Dazu zählt körperliche Belastung, um die Darmbewegung (Peristaltik) anzuregen. Ausreichend trinken – mindestens zwei Liter Wasser, Schorlen oder koffeinfreie Tees. Stressabbau und bequeme Kleidung.

Woran erkenne ich, dass ich zu wenig Verdauungsenzyme habe? Klassisch sind Beschwerden wie Blähungen, Oberbauchschmerzen, häufiger Stuhlgang mit heller Farbe und weicher Beschaffenheit. Ein wirklich einfacher und logischer Nachweis ist: bringt die Einnahme der Enzyme eine Beschwerde-Linderung, liegt eine Schwäche der Bauchspeichel vor. Wirken sie nicht, ist die Pankreas-Insuffizienz eher unwahrscheinlich.

Wie setze ich die Enzyme richtig ein?Nehmen Sie de Kapseln zu jeder Mahlzeit ein – auch zu fetthaltigen Zwischenmahlzeiten. Schlucken Sie die Kapseln unzerkaut mit reichlich Flüssigkeit zum Essen. Nicht vorher und nicht nacher! Kauen Sie die Nahrung lang und gründlich.

Welcher Personenkreis ist besonders gefährdet? Ein erhöhtes Risiko für eine exokrine Pankreasinsuffizienz liegt bei Menschen vor die:

  • an Diabetes leiden
  • schon mal eine Bauchspeicheldrüsenentzündung hatten
  • rauchen oder regelmäßig Alkohol trinken
  •  sich in der zweiten Lebenshäflte befinden
  • starkes Übergewicht haben
  • unter sonstigen Verdauungsstörungen leiden oder gelitten haben.

Selbsthilfe: So beruhigen Sie den Bauch

Das können Sie tun: Enzym-Tagebuch führen. Notieren Sie, was Ihre Beschwerden verursacht und vor allem wann sie auftreten (Tages- und Arbeitsrhythmus, Stress, Essen, Medikamente).

Locker lassen: Verringern Sie berufliche oder private Dauerbelastungen. Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training helfen Ihnen, den Alltagsstress besser zu „verdauen“.

Bewusster Essen: Trinken Sie viel Wasser oder Tee. Verzichten Sie auf Alkohol. Gereifte Milchprodukte wie Joghurt und Kefir stabilisieren die Darmflora und regulieren die Verdauung auf natürliche Weise.

Wärmen & bewegen: Wärmflasche und feuchte Wickel lösen Verspannungen und Krämpfe. Kamillentee beruhigt den Darm. Bewegung löst verspannte Muskulatur, stärkt die Darmfunktion.

EPI-Kurzcheck: Soll ich zum Arzt?

  • Mein Bauchgeräusche sind manchmal so laut, dass es mir unangenehm ist
  • Ich leide vor allem nach fettigem Essen vom jeweiligen Essen stark unter Blähungen und Völlegefühl
  • Wenn ich groß zur Toilette muss, darf ich keine Zeit verlieren
  • Mein Stuhlgang ist weich, hell und voluminös und schwimmt im Toilettenwassser oben
  • Nach dem Spülen muss ich oft die Bürste benutzen und es riecht stechend scharf
  • Ich habe gürtelförmige Schmerzen und Krämpfe im Oberbauch
  • Ich leide an Gewichtsverlust
  • Ich leide unter anhaltender, wiederkehrenden Müdigkeit

Auswertung: Je öfter Sie mit Ja geantwortet haben, desto wahrscheinlich ist es, dass Sie an einer Pankreas-Insuffizienz leiden. Auch wenn nur zwei oder drei Beschwerden auftreten, sollten Sie Ihren Arzt bei nächster Gelegenheit ansprechen. Nehmen Sie dazu gerne den Kurzcheck mit.

Therapiekosten:
Pankreas-Enzyme auf pflanzlicher Basis gibt es rezeptfrei in jeder Apotheke (z.B. Nortase, 100 Kapseln ca. 34 Euro).  Bei ärztlicher Verordnung übernimmt die Kasse die Kosten. 

Arztkontakt: Hausarztpraxis Berlin-Westend, Dr. med. Petra Sandow, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Reichsstraße 81, 14052 Berlin, Telefon: 030-3042823

© medizin-reporter.blog/André Berger

Hinweis: Bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der Erfahrungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Therapieergebnisse sind generell individuell. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages