Heute sieht mir niemand mehr an, dass ich Rosacea habe

FREIHEIT. „Am Sonntagmorgen einfach mal ungeschminkt Brötchen holen oder spontan bei einer Freundin ohne Beauty Case übernachten – vor gut einem Jahr wäre das schlichtweg undenkbar gewesen“, schaut Carina Freistadt (30) heute auf den Höhepunkt ihrer Hauterkrankung zurück. „Damals traute ich mich ohne kaschierende Schminke keinen Schritt vor die Tür. Inzwischen ist mir das völlig egal. Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Selbst wenn ich ‚mal ein Pickelchen habe, weiß ich, dass ich damit niemanden erschrecke!“

UMSTELLUNG. Die Probleme – insbesondere im Bereich Stirn, Wange und Nase – stellten sich bei der Medizinischen Fachangestellten aus Düsseldorf für sie persönlich erst erstaunlich spät ein. „Als Teenager hatte ich tatsächlich wenig Probleme mit Mitessern, Pickeln und Co. Umso verwirrter war ich, als es bei mir Mitte zwanzig mit Rötungen und Pickeln losging. Bis dahin hatte ich mich wirklich sehr dezent geschminkt – höchstens mit Wimperntusche, Kajal und Lipgloss akzentuiert. Nun musste ich anfangen, wie ein Profi mit Foundation und Puder zu arbeiten. Dazu lud ich mir bei YouTube und Facebook entsprechende Tutorials herunter.“

SCHMERZEN. Das „offensichtlichste“ Problem der dunkelblonden Frau, die erst in der Notaufnahme, seit zwei Jahren dann im Sekretariat des Chefarztes einer Düsseldorfer Klinik arbeitet: auch an „Bad-Skin“-Tagen kann sie sich nicht verstecken. Ständig trifft Carina Freistadt mit Menschen zusammen, muss Gesicht zeigen. „Es ging allerdings von Anfang an nicht bloß um Kosmetik bei mir“, ergänzt sie. „Dazu kamen dicke Knoten und Pusteln voll entzündlichen Gewebes. Das tat nicht nur richtig weh; die Eiterpickel hinterließen jedes Mal auch eine richtige, kleine Narbe.“

VERMUTUNG. Carinas Hoffnung, dass das irgendwann schon wieder vorbeigeht, erfüllt sich nicht. Gleichfalls die Vermutung, dass beruflicher oder privater Stress Auslöser der Probleme sein könnte, bestätigt sich nicht: denn auch wenn dort alles perfekt läuft, hört der Stress mit der Haut nicht auf.

DIÄTEN. „Letztendlich blieb mir die Vermutung einer Nahrungsmittelallergie. Schließlich wurde es schon beim kleinsten Schluck Alkohol richtig schlimm – ab dem 26sten, 27sten Lebensjahr verzichtete ich deshalb sogar grundsätzlich auf Bier, Wein oder Sekt. Später begann ich Zucker zu meiden, dann Weizenmehl. Manchmal wurde es kurzfristig besser. Dauerhaft wirkte aber nie etwas.“

ENTTÄUSCHUNG. So keimt bei Carina Freistadt der Gedanke auf, dass sie mal jemanden fragen sollte, der sich damit auskennt. Sie wendet sich an einen Facharzt, und der glaubt auch, auf den ersten Blick zu wissen, was die damals 28-Jährige hat: Akne. „Ich bekam ein Rezept, löste es ein und probierte die Salbe umgehend aus – nur besser wurde es wieder nicht. Als ich sechs Wochen später mit meiner Mutter enttäuscht telefonierte, ließ sie so lange nicht locker, bis ich erneut einen Termin beim Arzt machte: Diesmal in ,ihrer’ dermatologischen Praxis bei Professor Gerber.“

ÜBERRASCHUNG. Der Hautarzt stellt eine gänzlich andere Diagnose: Rosacea. „Die Rosacea ist eine sehr häufige Hauterkrankung,“ erzählt Professor Peter Arne Gerber (41), der seit Anfang 2019 niedergelassen ist, zuvor an der Universität in Düsseldorf unter anderem auch zur chronischen Entzündung der Gesichtshaut geforscht hat. „Bei Frau Freistadt zeigten sich die klassischen Zeichen und die Krankheitsgeschichte einer Rosazea. Andere Diagnosen waren deutlich unwahrscheinlicher. Für eine Akne fehlten zum Beispiel die typischen Mitesser“

HINTERGRUND. Rosacea ist eine nicht ansteckende, meist gut behandelbare, aber nicht heilbare chronische Hauterkrankung, an der in Deutschland etwa zehn Millionen Frauen und Männer leiden. Sie tritt vorwiegend im Gesicht auf. Hellhäutige Menschen sind am häufigsten betroffen. Bei 80 Prozent aller Patienten beginnt sie ab dem 30sten Lebensjahr oder später. Im Volksmund wird Rosacea auch Fluch der Kelten, Kupferrose, Couperose oder Rotfinne genannt.

UNSICHERHEIT. „Wörtlich übersetzt bedeutet Rosacea ,Rosenblüte’“, erklärt Professor Gerber seiner Patientin nach Untersuchung per Lichtlupe. „Das klingt harmloser, als es ist. Die Krankheit wird in Stadien von null – also vorübergehende Rötung – bis Stadium drei – knollenartige Wucherungen – eingeteilt. Sicher ist allerdings nicht, dass sich die Rosacea an diesen Verlauf hält. Jeder Patient hat seine eigene Erkrankung. Es kann durchaus – wie bei Ihnen – vorkommen, dass die Erkrankung die Stadien null bis eins überspringt und gleich mit Papeln und Pusteln, also im Stadium zwei,  auftritt.“

LEBENSLANG. Ein weiteres Problem: Die exakte Ursache der Rosacea kennt man ebenfalls noch nicht. „Vermutet wird eine komplexe Gemengelage aus äußeren und inneren Faktoren“, so der Arzt „Deshalb muss eine Rosacea ein Leben lang beobachtet und behandelt werden. Andererseits hat es gerade in der Therapie in den letzten fünf Jahren einen erheblichen Schritt nach vorne gegeben. Inzwischen können wir nicht nur z.B. die lästige Gefäßerweiterung per Laser oder Blitzlampe veröden, sondern mit Medikamenten auch Entzündungsprozesse in der Haut kontrollieren – und zwar idealerweise so lange, bis die vollständige Erscheinungsfreiheit erreicht ist!“

PARASIT. Als Ursache der Rosacea gelten nämlich verschiedene Entzündungsgeschehen. Dabei spielen Faktoren wie die erbliche Veranlagung oder Störungen im Immunsystem und der Durchblutung eine bedeutende Rolle. Außerdem wird angenommen, dass die Demodex-Milbe – eine Haarbalgmilbe, die auf der Gesichtshaut fast aller Menschen zu finden ist – ein Faktor für die Entzündungsreaktion sein kann. „Die Zahl von Demodex-Milbe auf der Haut von Rosacea-Betroffenen ist in der Regel deutlich höher als bei Menschen, die nicht an Rosacea erkrankt sind“, erklärt Professor Gerber. „Aber auch dagegen kann man heute behandeln.“

NEUSTART. So bekommt Carina wieder ein Rezept. Und wieder löst sie die Verordnung umgehend in der Apotheke ein, trägt den Wirkstoff täglich lokal in Form einer Creme auf das Gesicht auf. „Die Therapie in den Alltag zu integrieren ist sehr einfach“, sagt sie. „Selbst unter Make-up kann man die Creme super tragen. Bereits nach der ersten Tube spürte ich eine deutliche Verbesserung: Die Pusteln waren nicht mehr so dick, die Haut glättete sich, die Rötung war nicht mehr so schlimm, dass nur grüner Abdeckstift half.“

DOKUMENTATION. Sobald die Creme zur Neige geht, holt sich Carina in der Praxis ein neues Rezept. Jedes Mal kontrolliert Professor Gerber die Entwicklung der Rosacea und dokumentiert sie außerdem per Gesichtsscan. „Am Ende der zweiten Tube stellte als erste meine Mutter fest, wie deutlich sich mein Hautbild verbessert hat“, strahlt die junge Frau zufrieden. „Inzwischen sprechen mich aber auch Kollegen in der Klinik darauf an, freuen sich mit mir, wie gut meine Haut geworden ist.“

FREIHEIT. Sowohl Foundation als auch Puder benutzt Carina Freistadt mittlerweile im Alltag kaum noch. „Neben der Creme nur noch ein bisschen Rouge und Contourer – das reicht schon“, erzählt sie zufrieden. „Damit sieht mir wirklich niemand mehr an, dass ich Rosacea habe. Und ich genieße die Freiheit, mich einfach auch mal ungeschminkt zeigen zu können!“

Vier Fragen an den Düsseldorfer Hautarzt Professor Peter Arne Gerber (41)

Woran erkenne ich Rosacea? Das ist gerade im Stadium null gar nicht so leicht. Erste Anzeichen ähneln oft dem normalen Erröten – bei Rosacea-Patienten ist dies aber häufiger und heftiger der Fall. Trigger für die anfallsartigen Flushs sind neben emotionalem Stress auch UV-Strahlung im Sonnenlicht, scharfes Essen, Alkohol oder abrupte Temperaturwechsel. Im Stadium eins sind dann eine dauerhafte Gesichtsröte und kleine Gefäßerweiterungen erkennbar. Stadium zwei ist durch entzündeten Papeln und Pusteln ohne Mitesser gekennzeichnet. Stadium drei schließlich von knollenartigen Wucherungen, wie z. B. der „Kartoffelnase“.

Warum sollte ich zum Arzt? Die Rosacea ist eine chronische Erkrankung. Wir können sie also nicht im medizinischen Sinne dauerhaft heilen. Heute gibt es aber sehr wirksame und gut vertägliche Therapiemöglichkeiten, die es uns ermöglichen unsere Patienten so zu behandeln, dass sie ihre Rosacea nicht mehr sehen oder spüren. Wir sprechen dann von einer kompletten Erscheinungsfreiheit – aus dem Englischen „clear“. Wichtig ist vor allem, dass das verschriebene Medikament nach Angaben des Arztes angewendet wird. Bis sich sichtbare Erfolge einstellen, kann es manchmal durchaus einige Wochen dauern. Setzen Sie Medikamente nicht eigenständig ab und besprechen Sie mit dem Arzt alternative Behandlungsmöglichkeiten.

Wie pflege ich meine Haut? Rosacea-Betroffene haben meist eine besonders empfindliche Haut. Die Hautpflege sollte nicht zu fetthaltig sein und sollte möglichst wenig Zusatzstoffe enthalten, die die Haut reizen könnten. Die Hautpflege sollte schnell einziehen, die Haut beruhigen und langanhaltend mit Feuchtigkeit versorgen.

Welche neuen Therapiemöglichkeiten gibt es? Momentan tut sich sehr viel in der Erforschung der Krankheit und der Entwicklung neuer Medikamente. Ein erster Fortschritt war die Zulassung von neuen lokal wirksamen Medikamenten, mit denen wir die Gefäßerweitung positiv beeinflussen können. Bei dauerhaften Veränderungen können wir außerdem per Laser die Gefäßverändungen behandeln. Dazu kommt: Ein wichtiger Co-Faktor für stärkere Reaktionen der Haut kann die übermäßige Besiedelung mit so genannten Demodex-Milben sein. Auch hier kann man mittlerweile medikamentös eingreifen. Sind lokale Maßnahmen nicht ausreichend, können wir auch Systemtherapien mit Tabletten, etwa mit speziellen, niedrigdosierten Antibiotika, zur Anwendung bringen.  

Wie lange muss die Therapie erfolgen? Inzwischen hat sich das so genannte Clear-Konzept durchgesetzt. Dass heißt, die Behandlung wird so lange fortgesetzt, bis wirklich nichts mehr zu sehen ist. Dies hat gleich mehrere Vorteile: zum einen führt erst die komplette Erscheinungsfreiheit dazu, dass Betroffene durch ihre Erkrankung nicht mehr eingeschränkt werden, sie also quasi vergessen, dass sie an einer Rosacea leiden. Zum anderen kommt es nach einer kompletten Abheilung erheblich später zu einem Wiederaufblühen der Rosacea.

Steckbrief Rosacea

Die Rosacea ist eine der häufigsten Hauterkrankungen im Erwachsenenalter. In Deutschland sind zehn Millionen betroffen. Frauen erkranken etwas häufiger als Männer. Bei Männern sind dafür die Symptome oft stärker ausgeprägt.

Die Hauterkrankung beginnt üblicherweise im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Vorstufen sind vielfach schon früher sichtbar – insbesondere plötzlich auftretende Gesichtsrötungen, die dann wieder verschwinden.

Die Namensgebung der Erkrankung geht auf die Ähnlichkeit der Gesichtsrötungen mit dem Aufblühen von Rosengewächsen zurück (rosaceus, lateinisch: rosenfarbig).

Die Veranlagung für Rosacea ist vererbbar. Dabei erkranken helle Hauttypen häufiger als dunkle. Sehr oft sind die feinen Blutgefäße (Kapillaren) der Gesichtshaut geweitet. Das führt neben einer dauerhaften Rötung der Haut auch zu sichtbaren Äderchen (Teleangiektasien). Weitere Anzeichen sind entzündliche Knötchen (Papeln) und Eiterpickel (Pusteln) im Gesicht. Im Verlauf der Erkrankung kann sich gelegentlich auch eine knotige Verdickung der Nase bilden oder die Erkrankung vom Lidrand aufs Auge überspringen.

Kurztest – Leide ich unter Rosacea?

  • Zeigen sich bei Ihnen an Wange, Stirn, Kinn oder Nase rote Hautflecken, Blutwallungen oder erweiterte Äderchen?
  • Haben Sie seit kurzem vermehrt Knötchen oder Eiterpickel im Gesicht?
  • Brennt oder spannt Ihr Haut des Öfteren?
  • Führen Sonne, scharfe Speisen, Temperaturwechsel zu anhaltenden Gesichtsrötungen?
  • Sind Sie über 30 Jahre alt und sind Sie ein hellerer Hauttyp?

AUSWERTUNG: Mit jeder positiven Antwort steigt Ihr Risiko, dass Sie Rosacea haben. Werden Sie aktiv und vereinbaren Sie einen Termin beim Hautarzt. Er stellte eine genaue Diagnose und kann die geeigneten Medikamente für Sie verordnen.

Praxis-Kontakt: Dermatologie am Luegplatz, Prof. Dr. med Peter Arne Gerber, Luegplatz 3, 40545 Düsseldorf, Telefon: 0211-576787, Internet: dermatologie-am-luegplatz.de  

Kostenloses Infomaterial finden Sie im Internet unter www.rosacea-info.de.

Dort gibt es zum Download u.a. ebenfalls eine Patientenbroschüre & ein Patiententagebuch

© medizin-reporter.blog/André Berger

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages