Als ich aus der Narkose erwachte, war ich zum ersten Mal seit 20 Jahren schmerzfrei

Ihr Gangbild ist noch nicht ganz perfekt „Doch das wäre Jammern auf hohem Niveau“, sagt Claudia Graf zufrieden. „Vor gut einem Jahr konnte ich nur davon träumen, auch nur zehn Meter schmerzfrei gehen zu können. Jetzt plane ich meinen nächsten Geburtstag – und die ganze Nacht durchzutanzen!“

Die noch 49jährige Kinderpflegerin ist mit einer so genannten Hüft-Dysplasie zur Welt gekommen – wie etwa drei, bis vier Prozent aller Neugeborenen in Deutschland. Vor allem Mädchen leiden an der Fehlbildung der Gelenkpfanne, die heutzutage dank des Neugeborenen-Screenings nur noch selten zur dauerhaften Schädigung des größten Kugelgelenks des Menschen führt. In den 1970er Jahren war das anders: damals war die Verrenkung der Hüfte sehr häufiger Grund, dass es im späteren Leben zu Gangstörungen kommt.

„Mein Krankheitsbild zeichnete sich ab, als ich im Kleinkindalter mit dem Laufen begann“, erzählt Claudia Graf. „Der sehr wackelige Gang fürhte dazu, dass ich zwischen meinem zweiten bis vierten Lebensjahr fünf Mal in Karlsruhe operiert wurde“.

Nach einer sportlichen Kindheit und Jugend mit Roll- und Schlittschuhlaufen, auf Skiern und im Judoverein begann mit Anfang 20 hauptsächlich in Ruhephasen die Schmerzen. Mit 30 stellt sich Claudia Graf erneut beim Orthopäden in Karlsruhe mit der Fragestellung „Gelenkersatzes“ vor: „Damals war ich fur so einen Eingriff allerdings noch zu jung. Aufgrund der durchschnittlichen Haltbarkeit der Prothese zwischen 15 und 20 Jahren war nicht gewiss, wie es weitergehen soll, wenn der Gelenkersatz gewechselt werden muss.“

Die Zeit im Anschluss dämmt die Frau tapfer mit Krankengymnastik das Brennen und Reißen sowohl auf der linken, als auch rechten Seite des Beckens ein. „Auf Medikamente habe ich so gut wie immer verzichtet, denn ich wusste, dass sie mir nur kurzzeitig Linderung verschaffen, aber nicht mein Problem lösen können.“

Kurz vor ihrem Vierzigsten sucht sie erneut einen Orthopäden auf. Der stellt einen Antrag auf Schwerhidnerung, möchte am liebsten gleich operieren. „Aufgrund des Dysplasie-bedingten Beinlängen-Unterschieds vorn über fünf Zentimetern bestünde allerdings die Gefahr der Nervenschädigung durch die Op- Die Folge der vorübergehenden Lähmung des Fußes schreckte mich ab. Ich beschloss, lieber noch solange wie möglich durchzuhalten, auch wenn die Beschwerden immer schlimmer wurden.“

Was ein Mensch an Schmerzen ertragen kann, lotete Claudia Graf final vor drei Jahren für sich aus. „Bis dato arbeitete ich zu 70 Prozent im Kindergarten und merkte immer mehr, wie die stetig schlechter werdende Beweglichkeit mich einschränkte. Und dann kam der Tag, an dem ich spürte: Es geht nicht mehr!“

Erneut geht sie zum Orthopäden. Vor Hintergrund der Schwere des Falls will der Arzt sie in eine Spezialklinik nach Hamburg einweisen. Zur Sicherheit holt sich Claudia Graf eine Zweitmeinung ein. Und der Kollegen verweist sie dann gleich vor Ort in Kehl an das neueröffnete Orthopädiezentrum der Maximalversorgung. „Bei der Voruntersuchung durch Herrn Doktor Schweigert schloss ich sofort Vertrauen. Er erklärte mir zuversichtlich, dass ein Eingriff, meine Lebensqualität erheblich verbessern würden. Ich sei eine Herausforderung, bemerkte er am Ende der Untersuchung – und konnte ihm nur recht geben: Das wusste ich schon, als ich mich auf den Weg zu ihnen gemacht habe!“

Im Endoprothetik-Zentrum hat sich das Team um Doktor Schweigert darauf spezialisiert, durch Kombination gleich mehrerer innovativer Verfahren, die Patienten möglichst bald auf den Pfad der raschen Genesung zu bringen. „Dazu setzen wir auf einen minimalinvasiven Zugang, der die Gesäßmuskulatur schont und den großen Rollhügel des Beckens umgeht. Damit das gelingt, nutzen wir gekrümmte Spezialinstrumente“, erklärt der Orthopäde seiner Patientin. „Zuerst ersetzen wir die Gelenkpfanne im Becken mit einer Kunstpfanne. Da hinein wird ein hochverdichtetes Kunststoff-Gleitstück eingepresst. Das Besondere: Der künstliche Knorpel ist mit antientzündlichen Vitamin E ,getränkt’. Das soll verhindern, dass der Körper auf mögliche Abriebteilchen aggressiv reagiert – und die Prothese sich vorzeitig lockert.

Auf der Gegenseite – am Oberschenkel – wird auf den bewährten Standardschaftt zurückgegriffen. Die Funktion des Gelenkkopfs übernimmt hier eine Kugel aus abriebarmer Keramik. „Früher bekam während eines solchen Eingriff fast jeder Patienten mindestens einen Beutel mit Fremd- oder Eigenblut. Dank der Gabe eines Gerinnungsmittels während der OP konnten wir den Blutverlust soweit reduzieren, dass das überflüssig geworden ist. Außerdem geben wir noch während des Eingriffs einen Extraportion Lokalänasthetikum in das Gebiet. Dadurch haben die Patienten im Anschluss fast keine Schmerzen und sind deutlich besser zu mobiliseren“.

Claudia bekommt ihren ersten OP-Termin für die rechte Seite am 24. Oktober 2018. „Als ich am Vortag in die Klinik eincheckte, hatte ich natürlich Angst. Doch jetzt wusste ich, es gibt keinen Weg zurück. Umso überraschter war ich, als ich am nächsten Tag mittags aus der Narkose erwachte und zum ersten mal seit 20 Jahren völlig schmerzfrei war.“

Bereits am nächsten Tag steht die Frau wieder auf beiden Beinen. Der durch den Eingriff entstandende Beinlängenunterschied von fünf Zentimeter wird mit einer Schuherhöhung ausgeglichen. Nach gut einer guten Woche wird sie in die Reha-Klinik entlassen, wo sie die nächsten drei Wochen mobilisiert wird.

„Das war der erste Streich – und der zweite – die linke Seite – sollte dann gleich im Januar 2019 erfolgen. Doch bei der Voruntersuchung entschied sich Dr. Schweigert um“, berichtet sie. „Aufgrund des extremen Beinlängen-Unterschieds kam eine Standard-Prothese für mich nicht infrage. Statt dessen wurden meine CT-Daten in die Schweiz übermittel – und dort wurde ein Mass-Schaft extra für mich angefertigt.“

Am 18. April 2019 ist es dann soweit. Claudia Graf kommt für den zweiten Eingriff in die Klinik. Auch diesmal dauert die Operation knapp 60 Minuten. „Dieses Mal war es nicht ganz so schmerzfrei, als ich aufwacht. Während der Operation war die Beinverkürzung ausgeglichen worden – daran mussten sich die Muskeln, Bänder und Nerven erstmal gewöhnen. Wieder konnte ich nach acht Tagen die Klinik in Richtung Reha verlassen. Mit zwei fast gleich langen Beinen!“

Die Reha ist diesmal etwas anstrengender. Ohne Beinlängenunterschied muss Claudia Graf das Gehen quasi ein zweites Mal lernen. Die jahrzehntelange Schonhaltung hat zu Verkürzungen der Bänder und der Muskulatur geführt, die sich erst nach und nach durch tägliche Übungen und wöchtentlicher Krankengymnastik verbessern. „Das große Glück ist, dass ich wieder Unternehmungen mit meiner Familie ohne Schmerzen durchführen kann. Auch die Arbeit im Kindergarten habe ich wieder aufgenommen!“

Dr. Schweigert ist ebenfallshochzufrieden, als Claudia Graf im Oktober zur Nachkontrolle in die Klinik kommt. „Bis aufs Fallschirmspringen können Sie jetzt eigentlich jetzt alles wieder machen“, lautet die gute Nachricht am Ende der Untersuchung.

Kasten Moderne Prothesen

Die aktuelle 20-Jahre-Haltbarkeit des von Dr. Bruno Schweigert eingesetzten Kunstgelenks liegt bei 93 Prozent -Außerdem setzt der Experte bei der Pfanne einen so genannten Vitelene-Einsatz.

Radikalenfänger. Das besondere am neuen Knorpelersatz aus Polyethylen: Er enthält Vitamin E. Bei der Herstellung wird der antioxidativ wirkende Vitalstoff, den jeder Mensch braucht und der eigentlich über die Nahrung zur Verfügung gestellt wird, mit Polyethylenpulver zur Spezialschale gepresst und vernetzt. Darin läuft der neue Gelenkkopf von der Oberschenkelprothese. Das eingebundene Vitamin E verhindert vor Ort im Gewebe das Entstehen von so genannten Stoffwechsel-Radikalen, die die Haltbarkeit einer Prothese verkürzen können.

Festigkeit. „Hinzu kommt: der Kopf der Prothese ist aus Spezialkeramik und damit extrem verschleißarm“, überzeugt Dr. Schweigert seine Patientin. „Dank des großen Kopfdurchmessers ist die frühere Gefahr des Auskugelns gebannt.“

Arthrose: So beugen Sie richtig vor

Nach Verschleiß des Kniegelenks („Gonarthrose“) ist die Arthrose des Hüftgelenks zweithäufigste Ursache für Gelenkschmerzen. Typisch: ein Ziehen in der Leiste, das auf die Oberschenkel-Innenseite ausstrahlt. Experten schätzen, dass pro Jahr rund 170000 Deutsche an einer Coxarthrose neuerkranken.

Bewegung: Wie ein Schwamm zieht sich der Knorpel bei jeder Bewegung seine Nährstoffe aus der Gelenkflüssigkeit. Gelenkschonender Sport (Walking, Aquagymnastik oder Yoga) verbessern nachweisbar die Knorpelstruktur.

Entlastung: Nicht nur der Abbau von Übergewicht schützt, auch rücken- und gelenkschonendes Heben, körpernahes Tragen (z.B. Rucksack) und flache Schuhe vermeiden Knorpel-Überlastungen.

Haltung: Achten Sie auf eine aufrechte Haltung und unterbrechen Sie sitzende Tätigkeiten öfter.

Vier Fragen an Doktor Bruno Schweigert

Woran erkenne ich eine Hüft-Arthrose? Klassisch beginnt es mit einem Ziehen in der Leiste. Morgens beim Aufstehen. Oder nach längerer Ruhe. Dann tritt die Pein schubweise bei Belastung auf. Später lässt sie auch in Ruhe nicht nach

Wodurch entsteht das Volksleid Arthrose? Dahinter steckt immer ein Verschleiß des Knorpels. Zuerst ist die weißlich, glatte Gelenkschicht nur aufgerauht, dann zerklüftet. Am Ende ist gar kein Knorpel mehr da, und es reibt extrem schmerzhaft Knochen auf Knochen.

Was kann ich selber tun? Generell sind Gewichtsabbau und regelmäßige, gelenkschonende Bewegung, wie Fahrradfahren das Beste, was Sie für ihre Hüfte tun können. 

Wann muss ich zum Arzt? Gerade bei jüngeren Menschen (unter 50) treten Hüftprobleme oft gar nicht so grundlos auf, wie es scheint. Deshalb ist hier eine frühzeitige Diagnose wichtig, um  ein Fortschreiten zu verhindern. Es ist unser Ziel, dass ein gelenkerhaltender Eingriff oder eine Umstellungs-OP helfen.

„Droht“ mir gleich ein neues Gelenk? Wer nur geringen Verschleiß und kaum Bewegungseinschränkungen hat, braucht keine künstliche Hüfte, sondern vor allem einen guten Physiotherapeuten und einen festen Willen!

Fakt ist: In den Stadien 1 – Schmerzen bei Überlastung –  und 2 – erste Anlaufschmerzen – helfen Gymnastik, Walking, gesunde Ernährung und Normalgewicht am Besten. Um eine aktive Arthrose zu beenden, kann der Arzt noch antientzündliche Medikamente verordnen, wie Ibuprofen oder Diclofenac.

Schnelltest:  „Droht mir Arthrose?“

1. Haben Sie gelegentlich Schmerzen in den Gelenken der Arme oder Beine?

2. Sind die schmerzenden Gelenke zeitweise geschwollen, gerötet oder überwärmt?

3. Treten beim Aufstehen, am Morgen oder nach längerem Sitzen Gelenkschmerzen auf?

4. Führen längeres Gehen oder dauerndes Stehen zu Beschwerden?

5. Haben Sie Schwierigkeiten ein oder mehrere Gelenke vollständig auszustrecken bzw. durchzubeugen?

Auswertung:

Jedes Ja steigert Ihr Risiko, Probleme mit den Gelenken zu bekommen. Wenn Sie zwei der fünf Fragen mit „ja“ beantwortet haben, sollten Sie sich um Ihre Gelenke kümmern.

Klinik-Info:

Pro Jahr werden am Ortenau Klinikum Offenburg-Kehl mehr als 900 Ersatz-Ops an Hüft- und Kniegelenken durchgeführt. Dank lokaler Schmerzmittel werden die Eingriffe als wenig belastend erlebt. Dazu kommt der interoperative Einsatz blutstillender Medikamente, der Blutkonserven in den meisten Fällen überflüssig macht. Das Ziel ist, dass die Patienten den Weg der raschen Genesung erreichen.

Klinikkontakt: Ortenau Klinikum, Endoprothetikzentrum Kehl, Internet: endoprothetik-zentrum.ortenau-klinikum.de

Hinweis: Bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der Erfahrungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Therapieergebnisse sind generell individuell. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information

© medizin-reporter.blog/André Berger

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages