Meine Rückenschmerzen bekämpfe ich jetzt mit dem eigenem Blut

Skepsis. „Zehn Jahre gehörten Rückenschmerzen zu mir, wie der Schatten zu meinem Körper bei Sonnenschein. Auf einer Skala von null bis zehn pendelten die Beschwerden ständig zwischen vier bis sieben – also irgendwo zwischen ,mittelgradig‘ und ,stark‘. Das hing von der Tagesform ab. Und auch wie viel ich mich vorher belastet hatte. Deshalb war ich skeptisch, als ich im Frühjahr 2020 bei der Gartenarbeit feststellte, dass das typische Brennen im Kreuz auf einmal nicht mehr da war. Ich hoffte zwar, dass das mit der Spritzenbehandlung in Zusammenhang stehen könnte, die ich fünf Wochen vorher erhalten hatte. Doch noch traute ich mich nicht, wirklich tief in meinen Körper hineinzuhorchen. Zu groß die Furcht, dass die Schmerzbrandung wieder losbrechen könnte.“

Geduld. Allerdings wächst mit jedem weiteren Tag in Gaby Hoffmann (45, Name geändert) die Zuversicht auf eine langanhaltende Linderung heran. „Wäre ich abergläubisch, müsste ich davon ausgehen, dass das Schicksal Schabernack mit mir spielte: ausgerechnet im beschwerdefreiesten Sommer seit Jahren lähmt das Corona-Virus die Umsetzung aller Wünsche, die ich so lang hintenanstellen musste“, scherzt die Angestellte aus Tutzing nahe Starnberg. „Ich lasse mich davon aber nicht beeindrucken, nutze lieber den erneuten Lockdown dazu, die ACP-Behandlung zu wiederholen. Wenn mich mein Verlauf eins gelehrt hat, dann ist das nämlich Geduld.“

Überforderung. Am Anfang aller Beschwerden stand Hektik. Mit dem Umzug von Augsburg ins schöne Oberbayern 2010. „Für die Übergabe der alten Wohnung und Renovierung der neuen Räumlichkeiten hatte ich mir extra drei Wochen Urlaub genommen“, erinnert sich Gaby Hoffmann. „Leider stellte ich zu spät fest, dass ich mich völlig überfordert hatte. So was macht man vielleicht mit 20, wenn der Hausstand noch klein ist. Nicht aber mit Mitte 30. Die Folgen waren permanente Rückenschmerzen. Mit Schmerztabletten und Wärmepflastern aus der Apotheke schleppte ich mich bis zur Übergabe.“

Druck. Da das aber keine Dauerlösung ist, sucht die große, schlanke Frau im Anschluss an den Umzug ihren Arzt auf. Im Kernspin wird schnell klar, warum die üblichen Schmerzmittel nicht wirken. „Zwischen den Wirbeln L5 und S1 hatte die Bandscheibe ihre Position erkennbar verlassen, wölbte sich vor und drückte schmerzhaft auf die Nervenwurzeln, die rechts und links aus dem Wirbelkanal entspringen. Der Arzt schrieb mich umgehend zwei Wochen krank. Doch bei aller Selbstschonung kam es nicht dazu, dass sich der Biostoßdämpfer wieder komplett in seine Ausgangsposition zurückzog. Daran konnten auch Massagen und Physiotherapie nichts ändern.“

Rückfall. Noch glaubt Gaby Hoffmann zu Beginn ihrer Odyssee im Jahr 2010, dass sie lernen könnte, mit den Schmerzen zu leben. „Eine Operation war für mich keine Option. Stattdessen versuchte ich mit Muskelaufbau und viel Bewegung gegenzusteuern und meine Wirbelsäule zu kräftigen“, erzählt die ehemalige Kunstturnerin, die damals gerade das Golfspiel für sich entdeckt hatte. „Leider wurde mein Ehrgeiz nicht belohnt: Sechs Jahr nach dem ersten Bandscheibenvorfall erlitt ich 2016 den nächsten.“

Diagnose. Diesmal ist der Faserring mit weichem Gallertkern eine Etage höher betroffen: zwischen den Lendenwirbeln vier und fünf. Dazu entdeckt der Radiologe, dass sich an alter Stelle eine sogenannte Osteochondrose gebildet hat. Knochen, Knorpel und Bänder haben sich entzündungsbedingt degenerativ verändert. Gaby Hoffmann: „Von nun an musste ich fast jedes Jahr einmal zum Orthopäden, bekam gegen die Schmerzen regelmäßig Spritzen mit Kortison.“

Zäh. Das antientzündliche Medikament bringt die Frau zwar über die schlimmsten Beschwerden hinweg. Richtig erträglich werden die Schmerzen allerdings nie. Selbst als sie noch einmal acht Wochen lang strenge Ruhe einhält, täglich drei Mal 600 Milligramm Ibuprofen schluckt, wird das „Kreuz mit dem Kreuz“ nicht leichter. 

Lichtblick. „Die Wende kam Ende 2019 – als mir beim Arzt ein Infoflyer über die ACP-Therapie in die Hände fiel. Ich entdeckte darin den Hinweis auf die Wirksamkeit auch bei Rückenschmerzen. Elektrisiert machte ich mich auf die Suche nach einem entsprechenden Experten in der Nähe.“

Erstaunlich. Tatsächlich ist der Einsatz des so genannten autologen Plasmas an der Wirbelsäule noch relativ unbekannt“, erklärt ihr wenig später Dr. Carl Peter Meschede (47). „Dabei bringt bei relativ jungen Menschen der Einsatz von körpereigenen Wachstumsfaktoren an die Nervenwurzeln, etwa im Rahmen der Periradikulären Therapie, kurz PRT, aber auch die Applikation in den Wirbelkanal oder die Facettengelenke oft erstaunliche Erfolge.“

Möglichkeiten. Der Facharzt für Orthopädie, der sich vor sechs Jahren in der Münchener Innenstadt niedergelassen hat, hat sich unter anderem auf die je nach Schmerzlokalisation gezielte Gabe von Medikamenten an und in die Wirbelsäule spezialisiert. „Prinzipiell ist es in diesem Rahmen egal, ob ich ein einfaches Schmerzmittel, ein antientzündliches Medikament wie Kortison oder hochkomplexe Reparatureiweiße durch die Haut per Spritze appliziere. Deshalb war ich gleich interessiert, als ich von den Möglichkeiten des speziellen Aufbereitungsverfahrens des patienteneigenen Blutes auf Kongressen erfuhr.“

Potent. Hintergrund der ACP Plasmatherapie: In einem patentierten Verfahren werden aus dem Blut die großen, festen Bestandteile entfernt, also alle roten und weißen Blutzellen. Es verbleibt das so genannte plättchenreiche Plasma. Diese hochpotente Flüssigkeit ist nicht nur reich an Proteinen, sondern enthält zahlreiche, wertvolle Wachstumsfaktoren.

Komplex. „Das plättchenreiche Plasma aktiviert den anabolen Stoffwechsel im Rücken“, veranschaulicht Dr. Meschede. „Biologische Rohmaterialien wie Zuckermoleküle, Fett- und Eiweißsäuren werden in körpereigene Zellbestandteile eingebaut. Durch diese komplexen Prozesse des körpereigenen Zellaufbaus können wir gezielt an der Wirbelsäule die Gewebeerneuerung anregen,“ so der Experte, der inzwischen ärztliche Fortbildungskurse für Kollegen aus dem In- und Ausland über die ACP-Therapie abhält.

Einwilligung. Gaby Hoffmann ist von dem Therapievorschlag sofort überzeugt. „Die Idee, körpereigene Zellen zu verwenden, war mir gleich sympathisch“, berichtet sie. „Die Behandlung ist dabei relativ simpel: Aus der Armbeuge wird mir etwa 15 Milliliter venöses Blut für die sterile Doppelkammer-Spritze entnommen.“

Ablauf. In einer Zentrifuge wird das Blut umgehend nach Serum und Plasma getrenntAnschließend wird in der inneren Kammer der ACP-Spezialspritze das goldgelbe, klare Plasma sicher und keimfrei in eine zweite Spritze übertragen und steht dann zur Injektion unter Röntgensicht bereit.

Plan „In unserer Praxis haben sich  drei bis fünf Injektionen in wöchentlichen Abständen bewährt. Damit geben wir dem Immunsystem genügend Zeit zu reagieren. Danach raten wir alle sechs bis zwölf Monate zur Auffrischung der biologischen Therapie“, ergänzt Carl Peter Meschede. „Die Wirkung setzt nach etwa zwei bis vier Wochen ein – manchmal dauert es auch fünf, wie bei Gaby Hoffmann.“

Bilanz. Trotz des anfänglich verhaltenen Fortschritts ist die heute 45jährige mit dem Therapieverlauf mehr als zufrieden. „Ich finde es toll, dass ich mit den Heilkräften aus meinem eigenen Blut die Rückenschmerzen so nachhaltig bekämpfen konnte. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass die Schwellung, das Ödem, wirklich aus dem Gewebe heraus ist. Das war nach der Kortison-Spritze nie so.“

Ziel. Deshalb ist es für sie auch klar, dass sie sich jetzt die Auffrischung holt. „Zugegeben: es gibt schönere Dinge als so eine Spritze in den Rücken. Aber Schlimmeres gibt es auch.  Das habe ich selbst erlebt. Wichtig für mich ist, dass ich so lange wie möglich körperlich aktiv bleiben, über den Golfplatz gehen und sogar wieder an Turnieren teilnehmen kann. Genau darauf freue ich mich am meisten, wenn dieses blöde Virus endlich überstanden ist…“ 

Sechs Fragen an Dr. Carl Peter Meschede (47), Facharzt für Orthopädie, München

Wie entsteht eine Osteochondrose? Alles beginnt mit einer Überlastung der Bandscheiben. Diese festen Faserringe liegen zwischen den einzelnen Wirbeln der Wirbelsäule und dienen als Stoßdämpfer gegen Erschütterungen. Wie andere Körperteile zeigen auch Bandscheiben Abnutzungserscheinungen – je nach Belastung treten sie beim einen früher, beim anderen später auf. Verschleiß beginnt bereits ab dem 20-ten Lebensjahr. Ab 60 sind über 90 Prozent von Verschleißerscheinungen betroffen. Zum Glück sind Osteochondrosen nicht immer schmerzhaft. Ein gewisser Verschleiß ist ganz natürlich.

Wann sollte eine Osteochondrose behandelt werden? Die Osteochondrose ist ein schleichender Prozess. Ob die Rückenbeschwerden mit dem Befund zusammenhängen, kann oft nur im Kernspin abgeklärt werden. Die Differenzierung zwischen Schmerzen, die von den Veränderungen an der Wirbelsäule ausgehen und Beschwerden, die eher aus der Muskulatur kommen, ist schwierig und bedarf einer großen Erfahrung. Je sicherer diese Zuordnung gemacht werden kann, umso erfolgreicher und sinnvoller die medikamentösen Applikationen an und in die Wirbelsäule oder auch ans Iliosakralgelenk. Gemeinsam mit dem Patienten wird dann der Arzt die Entscheidung treffen, ob nur ein einfaches Schmerzmittel appliziert wird oder die ACP-Therapie.

Was steht hinter den drei Buchstaben ACP genau? Die Behandlung mit Autologem Conditioniertem Plasma – kurz ACP – ist ein innovatives Behandlungsverfahren zur Therapie verschleißbedingter Beschwerden. Neben der sogenannten Osteochondrose, aber auch Iliosacralschmerzen hilft ACP auch bei Gelenk-Arthrosen und akuten Muskelverletzungen wie einem Muskelfaser- oder Bänderriss und bei schmerzhaften Sehnenentzündungen.

Wie erfolgt die Behandlung? Für die ACP-Therapie wird Blut aus der Armvene entnommen. Durch ein spezielles Trennverfahren wird der Teil des Blutes gewonnen, der körpereigene, regenerative und entzündungshemmendeBestandteile enthält. Die so gewonnene körpereigene, biologische Lösung wird durch die Haut an die betroffene Nervenwurzel injiziert.

Wieso funktioniert die ACP-Therapie? Schon länger ist bekannt, dass die in unserem Blut enthaltenen Wachstumsfaktoren Heilungsprozesse positiv beeinflussen können. Es werden Heilungs- und Aufbauprozesse im geschädigten Wirbelkompartiment angeregt. Dadurch kommt es nicht bloß zur signifikanten Linderung der Schmerzen, sondern auch zur schnelleren Regeneration und nachhaltigen Funktions-Verbesserung.

Was kostet die Behandlung? Im Gegensatz zu den privaten Krankenversicherungen übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten bislang nicht. Eine Spritze kostet etwa 160 Euro. Drei bis fünf sollte sich der Patient verabreichen lassen. Macht unterm Strich etwa 480 bis 800 Euro, die sich allerdings oft lohnen: Eine aktuelle Studie belegt gerade den Erfolg der ACP-Therapie bei „Rücken“. Nichtbehandelt werden Patienten mit Lähmungserscheinungen, Tumoren und starken, eitrigen Entzündungen. 

Selbsthilfe – Was kann ich selber bei Rückenbeschwerden machen?

Egal wo, bewahren Sie Haltung, also Brust raus und Kopf hoch! Wechseln Sie die Sitzposition, stehen Sie häufiger auf. In der Rückenschule oder im guten Fitness-Studio können Sie sich gezielt um den Aufbau von Bauch- und Rückenmuskulatur kümmern. Gut sind auch Schattenboxen (Qi Gong), Pilates und Autogenes Training. Wichtig ist der Wechsel von Belastung und Entlastung. Nordic Walking und Joggen fördert den Bandscheiben-Stoffwechsel.

Grundsätzlich sollten Sie bei Übergewicht versuchen, Gewicht zu reduzieren. Dazu kommt noch regelmäßige Bewegung. Hier reichen pro Woche schon dreimal 30 Minuten gesteigerte körperliche Aktivität aus. Last but not least: Ausgewogene, gesunde „mediterrane Kost“ mit viel Gemüse und pflanzlichen Fetten – und die Reduzierung von zuckerhaltigen Getränken .

Kasten Wirbelsäule 

Die Wirbelsäule hat sieben Hals-, zwölf Brust- und fünf Lendenwirbel. Neun weitere Wirbelknochen sind zu Kreuz- und Steißbein verschmolzen. Jeder Wirbel hat einen kurzen Wirbelkörper. Der spangenförmigen Wirbelbogen, die zwei seitlich abzweigenden Querfortsätze und der nach hinten auslaufende Dornfortsatz bilden den knöchernen Kanal, in dem das empfindliche Rückenmark verläuft, aus dem die Nervenwurzeln austreten.  Die Bandscheiben, die zwischen den Wirbeln liegen, machen rund ein Viertel der Gesamtlänge aus.

Selbsttest: Wie gefährdet ist Ihr Rücken?

1. Haben Sie eine schiefe Wirbelsäule oder unterschiedlich lange Beine?

2. Treiben Sie an den überwiegenden Tagen keinen Sport?

3. Müssen Sie beruflich viel sitzen oder stehen?

4. Bücken Sie sich viel oder heben Sie häufig schwer?

5. Sind die Absätze Ihrer Schuhe ungleichmäßig abgenutzt?

Auswertung: Mit jeder positiven Antwort steigt Ihr Rückenschmerz-Risiko. Ein gezieltes Wirbelsäulen-Training durch verstärkte Dehnung der Rücken- und Bauchmuskulatur stabilisiert das komplexe Zusammenspiel von Wirbeln, Bandscheibe, Muskeln und Gelenken. Tipp: Bewegen Sie sich immer wieder mal, wenn Sie lange sitzen müssen, zum Beispiel am Schreibtisch. Stillsitzen ist Gift für den Rücken. 

Arztkontakt: Orthopädie an der Theatinerstraße, Dr. Carl Peter Meschede, Theatinerstraße 36, 80333 München, T.: 089-21113626, Internet: www.orthopaedie-theatinerstraße.de

Mehr Infos zu ACP: www.acp-therapie.de

Hinweis: Bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der Erfahrungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Therapieergebnisse sind generell individuell. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information

© medizin-reporter.blog/André Berger

One thought on “Meine Rückenschmerzen bekämpfe ich jetzt mit dem eigenem Blut

  1. Gut zu wissen, dass der Einsatz von körpereigenen Wachstumsfaktoren an die Nervenwurzeln oft erstaunlichen Erfolg mit sich bringt. Mein Onkel möchte seine Rückenschmerzen behandeln lassen. Er hofft, dass ihm der Einsatz körpereigener Wachstumsfaktoren auch Erfolg bei der Bekämpfung der Rückenschmerzen bringen würde.

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages