Auf das Lippenlesen kann ich endlich verzichten

Porträt einer medizinischen Fachangestellten in blauer Arbeitskleidung, die an einer Wand mit einer Nummer steht und in die Kamera lächelt.

SCHWIERIG. Dass die Beschwerden andere zur Weißglut bringen können, war Janine Hinrichs nur allzu bewusst. „Kein Mensch mag es, wenn er sich permanent wiederholen muss – besonders bei der Arbeit“, erzählt die heute 32jährige medizinische Fachangestellte aus dem ostfriesischen Apen (nahe Leer). „Wer im Job ständig nachfragt, gilt schnell als dumm, renitent oder unbemüht. Alles drei traf auf mich nun gar nicht zu. Trotzdem musste ich im Operationssaal machmal bis zu dreimal nachfragen, bis mir klar war, welchen Greifer, welche Schere oder welchen Faden der Arzt haben wollten. Da alle Beteiligten von meinen Schwierigkeiten wussten, machte mir niemand Vorwürfe. Nervig war es trotzdem – auch für mich.“

Porträt einer lächelnden Frau mit kurzen Haaren, die ein rotes Oberteil trägt und eine Tasse in der Hand hält. Im Hintergrund sind Regale mit Tassen und anderen Gegenständen sichtbar.

KOMPENSATION. Die besondere Brisanz ergab sich, da im OP alle Masken tragen. Janine Hinrichs: „Draußen konnte ich die Einschränkung des Hörvermögens durchs Lippenlesen ganz gut ausgleichen. Drinnen im Saal funktionierte das Hören mit den Augen nicht.  Da war ich auf meine Ohren angewiesen. Besser: auf das, was mir Mutter Natur mit auf den Weg gegeben hat.“

VORSCHÄDIGUNG. Seit frühester Kindheit ist Janine Hinrichs wegen einer Fehlbildung des rechten Ohres regelmäßig in ärztlicher Behandlung. Ohrmuschel und Gehörgang sind aus bislang unbekannten Gründen bei der jungen Frau nicht richtig ausgebildet. Dramatisch wurde es Anfang Januar 2016. „Ich hatte mit Freunden in Oldenburg in der Innenstadt Sylvester gefeiert. Am Neujahrsmorgen rissen mich dann wahnsinnige Ohrenschmerzen aus dem Schlaf. Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, fuhr ich umgehend in die Notaufnahme der Klinik!“

Ein Arzt untersucht das Ohr einer Patientin mit einem otoskopischen Gerät in einer Klinik.

ENTZÜNDUNG. Was die Ärzte dort entdeckten: Der rechte Gehörgang hatte sich völlig unbemerkt verschlossen. Das Sekret, das zur Selbstreinigung des Ohres gebildet wird, staute sich auf. Durch die Kälte der Sylvesternacht war es zu einer extrem schmerzhaften Entzündung gekommen. In der Klinik versuchten die Ärzte dann den Verschluss wieder zu öffnen. „Es waren die schmerzhaftesten zehn Minuten meines Lebens – am Ende war jede Quälerei vergeblich. Die Behandlung musste wegen der Schmerzen abgebrochen werden.“

Eine Frau mit Brille in einem roten Oberteil sitzt vor einem Fernseher und hält eine Fernbedienung. Im Hintergrund ist eine Fernsehszene mit mehreren Personen zu sehen.

REKONSTRUKTION. Statt dessen bekam Janine Antibiotika und einen OP-Termin für Februar. „Fünf Tage blieb ich für die Rekonstruktion des Gehörgangs in der Klinik. Bei der Entlassung begriff ich erst, wieviel mein linkes Ohr und das Lippenlesen bereits übernommen hatten. Plötzlich konnte ich erheblich besser hören. Allerdings nur zwei, drei Monate lang. Durch eine ungünstige Narbenbildung wurde es bald wieder schlechter“, schildert Janine den Verlauf.

Eine medizinische Fachangestellte in blauer Kleidung sitzt an einem Tisch in einer Klinik. Sie trägt eine Namensschild und eine Brille.

WIEDERHOLUNG. Im November 2016 wird noch einmal Narbengewebe entfernt. Doch an den wiederkehrenden, zerstörerischen Entzündungen des Gehörgangs und der damit verbundenen Hörverschlechterung ändert das nichts mehr. „Während ich 2017 lokale Ohrentropfen verschrieben bekam, halfen 2018 die Antibiotika nur noch intravenös, die Schmerzen einigermaßen in Schach zu halten. Und wäre das mit dem Hören nicht schon problematisch genug gewesen, durfte ich durch die Entzündungen auch nicht mehr im OP arbeiten. Insgesamt war ich fast ein halbes Jahr krankgeschrieben!“

Ein Arzt erklärt einem Patienten anhand eines Modells des menschlichen Ohrs Informationen zu Hörproblemen.

NETZSUCHE. In dieser Zeit googelt Janine viel im Internet und stößt auf die Asklepios Klinik Hamburg-St.Georg, wo Oberarzt Dr. Attila Óvári (44) Schallleitungsstörungen im Außen- und Mittelohr unter anderem seit kurzem mit dem Knochenleitungsimplantat „Bonebridge“ behandelt. „Intuitiv spürte ich, dass genau diese Behandlung mir helfen kann – ich meldete mich bei der Klinik und bekam für den 29. November einen Vorstellungstermin bei Doktor Óvári“.

Patientin mit HNO-Arzt im Gespräch über Hörimplantate in einer Klinik.

GENIAL. „Das Prinzip der Schallleitung über den Knochen ist schon seit Jahrhunderten bekannt“, erklärte der  ungarisch stämmige Arzt seiner Patientin. „Daraus folgte die Hörbrille, die die Schwingen per Brillenbügel auf den Kopf überträgt. Und Ende des 20sten Jahrhunderts nutzt man das gleiche Prinzip für neue, knochenverankerte Hörgeräte – so genannte BAHAs ­ bei denen eine Titanschraube von außen in den Schädel geschraubt wird.“

Nahaufnahme von zwei Händen, die ein Hörimplantat (Bonebridge) halten, während im Hintergrund ein Logo mit der Aufschrift 'MED-EL' zu sehen ist.

INNOVATION. 2012 wurde dann das neue Bonebridge-Implantatsystem zugelassen. Dr. Óvári. „Es besteht aus einer inneren und einer äußeren Komponente: Außerhalb des Körpers sitzt – ähnlich dem normalen Hörgerät – der Audioprozessor, der durch einen Magneten durch die Haut am Implantat gehalten wird. Er nimmt den Schall auf, wandelt ihn in Signale um, die er durch die Haut ans Implantat weitergibt. Das Implantat verankern wir im Kopf im Felsenbein. Dort wandelt es die empfangenen Signale in mechanische Schwingungen um. Diese werden  über den Knochen ans Innenohr weitergeleitet.“

Eine Person erhält einen Audioprozessor für ein Bonebridge-Hörimplantat, das an ihrem Kopf befestigt wird.

VORTEIL. Neben dem vollständigen Verschwinden des Implantats unter der Haut – und damit dem kompletten Wundverschluss, ist auch die Verstärkungsmöglichkeit überragend. Und ebenfalls der Vier-Oktaven-Klang – von 250 bis 8000 Hertz – ist sehr natürlich.

Ein medizinisches Fachpersonal in einem Operationssaal wäscht sich die Hände an einem Waschbecken, während im Hintergrund andere Personen in Operationstechnik gekleidet zu sehen sind.

EINWILLIGUNG. Janine willigt noch am selben Tag in den Eingriff ein. Und bekommt für den 11. Dezember 2018 einen OP-Termin. „Dafür reiste ich am Tag vorher an, übernachtete in einem Hotel in der Nähe der Klinik und ging dann am Dienstag morgen zu Fuß ‘rüber. Nach einem kurzem Gespräch mit dem Anästhesisten ging es um halb zwölf los. Am späteren Mittag wachte ich aus der Vollnarkose auf – zum Glück ohne Schmerzen. Nur das Ohr war bandagiert. Und hören konnte ich natürlich auch noch nicht.“

Eine Frau in rotem T-Shirt hält einen Audioprozessor für ein Knochenleitungsimplantat in der Hand und zeigt darauf.

Anpassung. Fünf Tage muss die Krankenschwester in der Klinik bleiben. Am Sonntag darf sie nach Hause. Vorher wird der Verband abgenommen und das Implanat das erste Mal in Betrieb genommen. Dafür wird oberhalb der feinen, vier Zentimeter langen Narbe der Audioprozessor angesetzt und eingeschaltet. „Ich hatte das Gefühl, als ob sich eine ganz neue Welt für mich öffnete“, beschreibt sie den Moment. „Erst klang es noch ein bisschen hell und blechern. Doch bereits nach wenigen Tagen gewöhnte sich das Gehirn!“

Eine Person mit kurzem, dunklem Haar und einer hellen Brille trägt ein rotes Hörgerät, das im hinteren Bereich des Kopfes aufgesetzt ist. Die Person hält sich mit einer Hand das Ohr und schaut nach außen, umgeben von grünem Hintergrund.

UMGANG. Den Audioprozessor, für den sich Janine Hinrichs gleich mehrere, farbenfrohe Abdeckungen ausgesucht hat, trägt sie den ganzen Tag. Nur wenn sie zu Bett oder in die Dusche geht, legt sie ihn ab. Das Implantat hat keine eigene Stromversorgung, wird vom Audioprozessor induktiv durch die Haut mit Energie versorgt. An dem externen Gerät werden alle fünf bis sieben Tage die Batterien gewechselt.

Eine medizinische Fachangestellte in blauer Arbeitskleidung steht in einem Krankenhausflur und hält sich die Hand an das Ohr, während sie in die Kamera lächelt.

BILANZ. „Anfangs musste ich mich regelrecht an die vielen Eindrücke und Geräusche gewöhnen“, teilt sie ihre Erfahrung. „Aber inzwischen ist es ein unbeschreiblich gutes Gefühl nicht nur gut, sondern auch räumlich hören zu können. Im OP sitzt jetzt jedes Anreichen. Viele Kollegen haben mich auf das Implantat angesprochen und mir bestätigt, dass ich ein ganz anderer Mensch geworden bin. Viel fröhlicher und positiver. Und – das allerbeste: die Ohrenschmerzen sind auch verschwunden!“

Ein lächelnder Chirurg in grünem OP-Kittel steht an einem Tisch in einem Operationssaal und macht Notizen.

Vier Fragen an Dr. Attila Óvári (44), Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde und Oberarzt an der Asklepiosklinik Hamburg

Was ist das Neue an dem Bonebridge-Hörimplantat? Der wichtigste Fortschritt ist, dass der Schwingungs-Generator komplett unter der Haut liegt.  Per Knochenleitung wird von dort der Schall ans Innenohr übertragen. Hier werden die Klänge dann wie beim Normalhörenden in Nervenimpulse umgewandelt und über den Hörnerv ans Gehirn gesendet.

Ein Arzt in einem weißen Kittel hält ein Hörimplantat in der Hand, während eine Patientin im Hintergrund sitzt.

Wer kommt für die Bonebridge in Frage? Die Knochenleitung spielt für jene Menschen eine besonders wichtige Rolle, bei denen der Schall nicht über den natürlichen Weg übers Außen- und Mittelohr ans Innenohr weitergeleitet werden kann. Typische Erkrankungen sind Störungen der Schallleitung, kombinierte Hörverluste und einseitige Taubheit. 

Kann ich das Hören mit einem Knochenleitungsimplantat vor der Operation testen? Wenn Sie wissen wollen, ob die Bonebridge die richtige Lösung für Sie ist, können Sie von ihrem Ohrenarzt das Hören über die Knochenleitung testen lassen.  Dazu wird Ihnen ein Knochenleitungshörer hinter dem Ohr auf die Haut gelegt und dann werden verschiedene Testtöne eingespielt.

Ein Chirurg in einem Operationssaal, der mit speziellen Instrumenten an einem Patienten arbeitet, während er ein Operationsmikroskop verwendet.

Was kostet der Eingriff? Zahlreiche Krankenhäuser in Deutschland und Österreich haben mit den Krankenkassen spezielle Verträge geschlossen, in denen die kostenlose Versorgung mit dem Hörimplantat vereinbart worden ist. Die Entscheidung trifft hier der behandelnde Arzt in Rücksprache mit der Krankenkasse.

Modell des menschlichen Ohrs, das anatomische Strukturen wie das Innenohr, die Gehörknöchelchen und das Trommelfell darstellt.

Hintergrund „Schwerhörigkeit“

Fast 20 Millionen Deutsche hören schlecht. Und das hat nichts mit dem Alter zu tun. Bereits jeder zehnte Jugendliche ab 14 weist einen Hörschäden auf. Und jährlich erkranken 15000 Bürger an akuter Schwerhörigkeit.

Operation im medizinischen Umfeld, mit einem Monitor, der einen chirurgischen Eingriff zeigt, und einem Arzt im OP-Bereich.

Der zunehmende Lärm bedroht am stärksten den empfindlichen Hörsinn. Gefahrenquellen sind Straßenverkehr oder Baustellen, Konzerte, MP3-Player, aber auch unauffällige Dauerlärmquellen wie Haushaltsgeräte, Rasenmäher oder Computer. Am Ende zählt gerade die Summe der Geräuschbelastung: Hörzellen verkraften ohne weiteres 40 Stunden lang Lautstärken bis zu 85 Dezibel. Doch schon bei 100 dB reicht eine Stunde, um sie zu zerstören. 

Eine Frau sitzt im Lotussitz auf einer Wiese und meditiert, umgeben von grünem Gras und einem Baum im Hintergrund.

Selbsthilfe. Gönnen Sie dem Ohr angemessene Ruhepausen, wenn‘s besonders laut war. Schalten Sie störende Hintergrundgeräusche ab und vermeiden Sie laute Knallgeräusche. Leider nehmen viele Menschen Hörschäden hin, ohne aktiv zu werden. Oft dauert es zehn Jahre oder länger, bis ein Hörgeschädigter den Experten aufsucht. Das Problem: Wer schlecht hört, dreht die Lautstärke hoch und schädigt das Ohr noch mehr. Lassen Sie Ihr Gehör regelmäßig alle zwei Jahre vom Fachmann kontrollieren, dann entgehen Sie diesem Teufelskreis.

Schnelltest: Wie gut hören Sie?

1. Fällt es Ihnen schwer, jemanden zu verstehen, der Sie von hinten oder von der Seite anspricht? 

2. Beschweren sich andere Menschen manchmal darüber, dass Sie Ihr Radio oder Ihren Fernseher zu laut stellen? 

3. Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie ein herannahendes Auto erst im letzten Moment gehört haben? 

4. Haben Sie das Gefühl, dass die meisten Menschen immer undeutlicher sprechen? 

5. Überhören Sie gelegentlich den Wecker oder das Telefonläuten? 

Auswertung:

Leider kann schon bei einer positiven Antwort Ihr Hörvermögen vermindert sein. Weitere Anhaltspunkte u.a. mit typischen Hörsituationen bietet darüber hinaus ein Online-Hörtest unter www.medel.com/de/about-hearing/hearing-test/.   Beides ersetzt natürlich auf keinen Fall einen professionellen Hörtest beim Hörakustiker oder Hals-Nasen-Ohrenarzt.

Kontakt:

Ein verschwommenes Bild eines operierenden Arztes in einem OP-Saal, während zwei weitere Personen im Hintergrund sichtbar sind, alle tragen medizinische Schutzkleidung.

Klinik: Asklepios Klinik Sankt Georg, HNO Service Center, Lohmühlenstraße 5, 2099 Hamburg, Tel. 040/1818852233 Internet: www.asklepios.com/hamburg/sankt-georg/experten/hno/

Betroffene informieren Betroffene: Unter www.hörpaten.de berichtet eine weitere Bonebridge-Trägerin. Hier haben Sie auch die Möglichkeit, per Email Fragen zu stellen. 

Therapie und Therapeuten-Info: MED-EL Deutschland GmbH, Moosstraße 7, 82319 Starnberg, gebührenfreie Hotline: 0800 0077030, Internet: www.medel.de

Wichtig: bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der individuelle Behandlungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Therapieergebnisse sind generell individuell. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information.

© medizin-reporter.blog/André Berger

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages