Glück. Die heute 41jährige hat eigentlich Krankenschwester gelernt. Doch schon seit vielen Jahren arbeitet die Tochter türkischstämmiger Gastarbeiter als Servicekraft in einem bekannten Hamburger Steakhouse. Es macht ihr besondere Freude, anderen Menschen ein, zwei schöne Stunden zu bereiten.
Atemlos. Dass Kadriye so normal wie möglich ihr Leben lebt, liegt vielleicht daran, dass die Frau und Mutter ein Leben ohne Atemnot, bleiernde Müdigkeit und schneller Erschöpfung nicht kennt. Bei der U3-Kontrolluntersuchung beim Kinderarzt war ihre Haut auffallend blass; sie war kurzatmig; ihr kleines Herz schlug viel zu schnell.
Lebenslang. Erst seit Anwerben der Gastarbeiter in Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei tritt sie auch hierzulande zunehmend auf: Schätzungen zufolge gibt es etwa 500 Bundesbürger mit der schweren „major“- Form, 160000 mit der milderen „minor“-Form. Wichtigste Behandlungsmöglichkeit sind Bluttransfusionen – und zwar lebenslang.
Komplikation. Nicht genug; So wie alle Patienten, die regelmäßig auf Transfusionen angewiesen sind (neben der Thalassämie sind das vor allem Patienten mit Blutbildungsstörungen bei den Myelodysplastischen Syndromen, der Myelofibrose und aplastischen Syndromen) drohte Kadriye eine so genannte Eisenüberladung. Der Grund ist, dass der Körper keinen eigenen Ausscheidungsmechanismus für das Eisen hat, das beim Abbau des Fremd-Hämoglobins frei wird.
Horror. Jeden Abend mussten sich die Mädchen fortan an acht bis zehn Stellen pieksen. Die Beulen taten tagelang weh. „Ich weiß noch genau, dass meine Puppen und Teddies total zerstochen waren, weil ich das Spritzen mit ihnen nachgespielt habe. Manchmal wollte und konnte ich nicht mehr. Dann banden mich die Eltern fest, damit mich die Schwester pieksen konnte.“
Erschöpfung. Nach der Entbindung entzog sich die frisch gebackene Mutter allerdings komplett der medizinischen Versorgung. „Nach sechs Monaten begann ich wieder zu arbeiten. Dazu die neue Belastung mit dem Baby. Mir fehlte schlichtweg die Kraft, mich weiter zu stechen. Das Einzige, was ich mir regelmäßig abholte, waren die Blutkonserven.“
Tragisch. Wie lebensgefährlich die Krankheit wirklich sein kann und wie Recht ihr Arzt mit der Gardinenpredigt hatte, erlebt Kadriye Erol am dritten September 2011. An diesem Tag starb die ältere Schwester an einem Herzinfarkt – mutmaßlich aufgrund der gemeinsamen Grunderkrankung. „Neben dem unermesslichen Verlust rüttelte ihr Tod mich komplett auf, alles zu tun, um möglichst lang auch für meinen Mann und meine Tochter dazu sein“.
Sechs Fragen an den Blutexperten Dr. Andrea Mohr (66), Onkologie Lerchenfeld, Hamburg
Warum sind regelmäßige Bluttransfusionen eine Gefahr für die Gesundheit? Patienten, die regelmäßig auf Bluttransfusionen angewiesen sind – z.B. bei Myelodysplastischen Syndromen (MDS), bei Myelofibrose (PMF), Aplasie oder Thalassämie – haben ein erhöhtes Risiko, eine Eisenüberladung zu entwickeln. Bereits nach etwa 20 Gaben von Erythrozytenkonzentraten kommt es dazu, dass die freie Eisenkonzentration im Blut ansteigt. Der Körper kann das Eisen nicht aktiv ausscheiden, das beim Abbau des Fremdblutes frei wird (pro 400 ml 0,2 Gramm).
Aber ist Eisen nicht generell gut für den Körper? Leider nicht bei der Eisenüberladung. Die Folgen aufgrund der Anreicherung von Eisen in Organen und Gewebe können Schäden an Herz, Leber, hormonausschüttenden Organen oder im Gehirn hervorrufen – wie bei jeder anderen Schwermetall-Vergiftung. Bei Patienten mit MDS kann die Eisenüberladung sogar die Entstehung einer Akute Myeloische Leukämie (AML) begünstigen und die Lebenserwartung erheblich einschränken.
Wie funktioniert die Chelat-Therapie? In den 40er Jahren des 20sten Jahrhunderts entdeckte man erste Substanzen, die im Körper Schwermetalle binden und die Ausscheidung der Giftstoffe fördern können. Früher wurde die Medikamente unter die Haut gespritzt. Inzwischen gibt es Tabletten, die das gebundene Eisen über den Darm (oder die Nieren) ausscheiden.
Kann ich mir über eisenarme Ernährung selber helfen? Leider kaum. Die Ernährung spielt bei der Eisenüberladung nur eine untergeordnete Rolle, da die Aufnahme vor allem über die Blutkonserven erfolgt. Wer will, kann den Genuss von rotem Fleisch, Blut- und Leberwurst reduzieren. Die Zufuhr von hochwertigem Eiweiß (Fleisch, Fisch, Milchprodukte) sind aber so wichtig, dass Sie darauf nicht grundsätzlich verzichten sollten – im Zweifel sollten Sie unbedingt den Arzt befragen. Da Vitamin C durch Ansäuerung des Speisebreis die Eisenresorption steigern kann, rate ich von einer höherdosierten Vitamin C-Aufnahme über Nahrungsergänzungsmittel ab. Ansonsten empfehle ich eine ausgewogenen Ernährung mit hellem Fleisch, Milchprodukten und der breiten Vielfalt an Obst und Gemüse.
Hintergrund Thalassämie
In Deutschland ist Thalassämie eine eher unbekannte Krankheit, da sie vor allem hauptsächlich im Mittelmeerraum – vor allem in Regionen mit traditionellem Malaria-Risiko – vorkommt. Menschen mit Thalassämie haben bei Malaria einen gewissen Überlebensvorteil.
Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Thalassämie: die β- und die α-Thalassämie, wobei die α-Thalassämie sehr selten vorkommt. Die β-Thalassämie wird in minor und major unterschieden.
Durch die notwendigen Bluttransfusionen steigt langfristig der Eisenspiegel im Körper. Das überschüssige Eisen lagert sich in lebenswichtigen Organen ab schädigt diese massiv. Oftmals kommt es zu Herz-Kreislauf-Komplikationen, die zum Tod führen können.
Mehr Infos: Die Patientenbroschüren „Leben mit Transfusionen“ und „Thalassämie“ finden Sie in sechs Sprachen unter http://www.leben-mit-transfusionen.de
