Aktiv. Blühende Landschaften hat man den Menschen in den neuen Bundesländern versprochen. Und wenn man den Garten des Ehepaares Regina und Peter Wenzel im sächsischen Glauchau betritt, hat man das Gefühl, dass zumindest hier die Vision Wirklichkeit geworden ist: Zwischen Buchsbaum und Rhododendron blüht es an allen Ecken und Enden. Mittendrin sorgt die 72jährige Rentnerin mit Harke und Hacke regelmäßig dafür, dass es auch so auch bleibt.
Wende. „Mein Garten ist mein Fitness-Studio“, lächelt Regina Wenzel ein bisschen verschmitzt. „Hier hole ich mir die Kraft zurück, auf die ich so lange verzichten mussten. Fast hatte ich die Hoffnung auf ein gutes Ende aufgegeben. Doch seit der Herz-Op geht es endlich wieder bergauf.“
Infekt. Wer man die Krankengeschichte der ehemaligen Hebamme komplett erfassen will, muss man weit zurückgehen: 1957 infizierte sich die Frau aus Sachsen an der asiatischen Grippe. ”Ich war damals auf dem Gymnasium. Bei uns hieß das Oberschle. Auf einmal litt ich unter einer nie gekannten Kraftlosigkeit und Herzschmerzen“, blickt sie zurück.
Eigendynamik. Die schwere Grippe überwandt Regina. Die Herzbeschwerden blieben. Neun Jahre später erhielt sie die Diagnose „Angina pectoris“ (Brustenge). 1977 stellten sich erste Tachykardien (Herzrasen) ein. „Obwohl ich Herzmedikamente bekam, ließen sich die belastenden Rhythmusstörungen kaum kontrollieren.“
Frühverrentung. Ab 1993 ging nichts mehr. Treppen konnte sie nur noch stufenweisen erklimmen. Ohne Geländer wurden sie gar zum unüberwindlichen Hindernis. An Arbeit war nicht zu denken – Regina Wenzel wurde verrentet. Doch auch im Ruhestand wurde es nicht besser: 2001 erlitt sie – ausgehend von einem Gerinnsel, das sich im Herz gebildet hatte – einen Schlaganfall
Belastung. „Und als ob das alles nicht für ein Leben gereicht hätte, stellte der Kardiologe vor zehn Jahren bei mir dann den Schaden an der Trikuspidalklappe fest.“ Das Bioventil sitzt im Herz zwischen rechtem Vorhof und rechter Kammer, sorgt dafür, dass das verbrauchte, venöse Blut vom Herz in Richtung Lunge gepumpt werden kann. Schließt die Klappe nicht richtig, staut sich das venöse Blut in den Körper zurück.
Erfolglos. „Um mir ein wenig Linderung zu verschaffen, versuchte man per Katheter die Pulmonalvene zu veröden. So sollte zumindest das Herzrasen gestoppt werden – leider ohne Erfolg. Mir ging es immer schlechter. Ich litt unter Luftnot, stolperndem Puls, Flimmern vor den Augen. Mindestens einmal im Jahr musste mich mein Mann mindestens einmal pro Jahr in die Herzklinik bringen. Dort blieb ich ein paar Tage, bis die Ärzte mich anders medikamentös eingestellt hatten. Eine Operation wollte man mir nicht zumuten – wobei ,nicht mehr’ es vielleicht sogar besser trifft.“
Spezialist. Vor zwei Jahren übermannt Regina mitten in der Nacht erneut extremes Herzklopfen, panische Unruhe und unangenehmes Hitzegefühl. Ehemann Peter bringt seine Frau in die etwa 45 Fahrminuten entfernte Universitätsklinik Jena. Kurz zuvor hat hier Professor Torsten Doenst die Leitung der Herzchirurgie übernommen.
Standard. „Bislang wird die so genannte Trikuspidalinsuffizienz nur selten operiert“, erklärt der Herzspezialist seiner Patientin. „Der Grund: Einerseits gilt der Ersatz eines Bioventils immer noch als Hochrisiko-OP. Andererseits sind plötzliche Todesfälle bei einer Schwäche dieser Herzklappe recht selten. Deshalb wird – wie bei Ihnen – überwiegend medikämentös behandelt.“
Innovativ Aufgrund der Daten, die die Uniklinik Jena erst vor kurzem auf dem Europäischen Herzchirurgen-Kongress vorgestellt hat, lohnt sich der Eingriff allerdings doch. Insbesondere vor dem Hintergrund der rasanten Weiterentwicklung der Herzchirurgie in den vergangenen Jahren. „Dank der Verbesserung der OP-Technik ist Belastung durch den Eingriff deutlich geringer. Bei uns in Jena wird der Eingriff routinemäßig minimal-invasiv über einen seitlichen Zugang des Brustkorbs durchgeführt. Egal welche Herzklappe betroffen ist, können wir inzwischen unseren Patienten die klassische Sternotomie – also das Durchtrennen des Brustbeins – ersparen“, so der Direktor der Herz- und Thorax-Chirurgie in Jena. „Durch den kleinen Zugang bleibt nur eine vier bis fünf Zentimeter Narbe zurück, die bei Frauen meist komplett in der Brustumschlagsfalte verschwindet.“
Bewusst Erleichtert stimmt Regina Wenzel dem Eingriff zu, der in Vollnarkose im November vor zwei Jahren erfolgt. Nachdem die Herz-Lungenmaschine über Spezialkatheter von der Leiste an den Blutkreislauf angeschlossen worden ist und die Sauerstoffversorgung übernommen hat, kann die Anästhesie die Beatmung einstellen. Dadurch fällt die Lunge zusammen. Der Operateur bekommt über einen kleinen Spalt im rechten Brustkorb Zugang direkt bis zum Herz, das de facto fast mittig hinterm Brustbein liegt.
Überwuchert Über einen kleinen Zugang bahnt sich der Herzchirurg mit langen Spezialinstrumenten den Weg zur defekten Klappe, die er vorsichtig herauslöst. Dann näht Professor Doenst mit feinen Stichen den Spezialersatz aus Tierkollagen um die Klappenöffnung herum an.
Wackelig Der Eingriff bei Regina Wenzel dauert gut zweieinhalb Stunden. Dann kommt sie auf die Intensiv-Station. „An die Visite am nächsten Tag erinnere ich mich heute kaum noch“, blickt sie zurück. „Aber immerhin ging es mir so gut, dass ich schon bald auf die Überwachungsstation kam und das erste Mal wackelig aufstehen konnte.“
Was sind die Risiken für einen Klappendefekt? Jahr für Jahr schleusen unsere Herzklappen unglaubliche 2,5 Millionen Liter Blut durchs Herz. Kein Wunder also, dass sich mit den Jahren die Bioventile abnutzen und verkalken können. Dazu kommen die Risikofaktoren angeborener Herzfehler, Gewebeschwäche, Herzinfarkt, rheumatisches Fieber oder eine Infektion mit Streptokokken – wie bei Frau Wenzel. All das kann dazu führen, dass das Gewebe erschlafft und die Klappen nicht mehr korrekt schließen. Umgekehrt können auch Verkalkungen dazu führen, dass die Passage zu eng wird und sich die Bio-Ventile nicht richtig bewegen können.
Was ist das Besondere an dieser Technik Inzwischen sind wir hier in Jena in der Lage, alle Herzklappen minimal-invasiv behandeln zu können – das bedeutet, ohne dass dafür das Brustbein durchtrennt werden muss. Weltweit gibt es nur wenige Zentren, die das so durchführen. In Deutschland ist das bisher neu, aber die Nachfrage ist groß. Natürlich muss für jeden Patienten individuell entschieden werden, ob das Verfahren zum Einsatz kommt.
Selbsthilfe – So schützen Sie Ihr Herz
Cholesterin senken Erhöhte Blutfettwerte sind einer der Hauptgründe für Kalkablagerungen in den Herzgefäßen. Schränken Sie den Konsum von fettem Fleisch ein. Hühnchen, Pute, Rind und Wild sind magerer als Schwein und Gans. Verwenden Sie zum Braten pflanzliche Öle statt gehärtete Fette. Letztendlich wird auch für die Cholesterin senkenden Medikamenten (Statine) eine klappenschützende Wirkung beschrieben.
Klappen-Funktion
Professor Dr. Torsten Doenst
Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie
Universitätsklinikum Jena
Am Klinikum 1
07747 Jena
Tel.: 03641/932-2901
Internet: www.htchirurgie.uniklinikum-jena.de
