Weltenbummler. Der kurze Spaziergang am Ostseestrand „Hohe Düne“ nahe Rostock weckt Erinnerungen bei dem Mann, der 2002 aus dem Herzen des Silicon Valley von Kalifornien nach Europa kam. Ein hauptberuflicher Rettungsschwimmer ist aus ihm nicht geworden. Ein Retter schon: für abertausende Menschen, die – so wie Geoffrey – schlecht hören. Und auch für ihn selbst.
Folgenschwer. „Ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein, als das Glockenspiel der große Standuhr im Hausflur meiner Tante für mich verstummte“, berichtet der Erfinder der „Vibrant Soundbridge“. „Durch mehrere folgenschwere Mittelohrentzündungen mit hohem Fieber, die mit Antibiotika behandelt worden waren, hatte ich mein Gehör größtenteils verloren.“
Stigma. „Beim Hörtest sah die Frequenzkurve meines Audiogramms aus, als hätte Krümmelmonster ein Stück rausgebissen. Wegen einer Einschränkung von 75 Dezibel brachten Hörgeräte leider keine Besserung“, so Geoffrey Ball. „Im Gegenteil: in der Schule fühlte ich mich stigmatisiert. Der Klang war unangenehm laut und völlig verzerrt. Was meine Eltern, die Lehrerin oder meine Freunde sagten, konnte ich trotz der klobigen Geräte nicht besser verstehen. So wurde ich Meister in der Kunst des Lippenlesens.“
Perspektive. Zu gut für einen Innenohr-Ersatz (Cochlea-Implant), zu schlecht für ein Hörgerät – Geoffrey ist 15, als er beginnt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und während in den Nachbargaragen des Silicon Valley die ersten Apple-Computer zusammengesetzt werden, fragt er seinen HNO-Arzt, was die moderne Medizin tun kann. „Ich erfuhr von neuen Ideen und Forschungen und begrub meinen Berufsplan vom Rettungsschwimmer. Fortan wollte ich Ingenieur werden.“
Filmreif. Die nächsten Jahre könnten als Stoff für Hollywood dienen: unzählige Abende verbringt Ball in seinem Elektroniklabor und experimentiert an einem neuen Signalwandler, der nicht wie ein Hörgerät übers Außenohr und nicht wie das Cochlea-Implant übers Innenohr funktioniert, sondern im Mittelohr ansetzt.
Abkürzung. „Das neue, implantierbare Hörgerät macht Geräusche nicht einfach lauter, sondern wandelt Schallwellen in mechanische Bewegung um“, erklärt Professor Mlynski den Vorteil der Erfindung. „Durch Umgehung des Trommelfells und über den Direktkontakt zu den Gehör-knöchelchen werden Verzerrungen vermieden. Der Klang wird natürlicher und besser.“
Aufgabenteilung. Mikrofon und Soundprozessor sind dabei separat vom Implantat außerhalb des Körpers in einem kleinen Steuergerät untergebracht. Dies wird per Magnet oberhalb des Implantats befestigt und sendet zu ihm die Signale durch die Haut. Über ein langes Kabel ist dieses mit dem FMT im Mittelohr verbunden.
Schonend. Da der Gehörgang nicht verschlossen wird, gibt es keine Entzündungen. Das System funktioniert auch beim Sport. Zudem ist es komplett reversibel. Es ist seinem Erfinder besonders wichtig, „dass keine Strukturen im Ohr zerstört werden. Ist es nicht in Betrieb, hört man wieder so, wie vorher“, berichtet er aus eigener Erfahrung, nachdem ihm Ende der 90er Jahre ein Vorläufer implantiert wurde.
Routine. „Die Implantation ist für erfahrene HNO-Chirurgen inzwischen eine Standardoperation“, erklärt dort Klinikchef Mlynski. Der 42jährige ist an der Entwicklung der neusten Klammer beteiligt, mit dem der FMT-Wandler an der Gehörknöchelchenkette angeclipt wird. „Der Eingriff wird unter Vollnarkose oder – auf Wunsch –unter lokaler Betäubung durchgeführt“
Gefühl. Am Ziel angelangt sieht sich der Technische Direktor des Vibrant MED-EL Teams allerdings noch lange nicht. „Es ist ein unbeschreiblich gutes Gefühl, anderen Menschen dabei zu helfen, das Leben in all seinen Facetten genießen zu können. Daran arbeite ich gerne weiter“. Und mit seinem typischen Schmunzeln ergänzt er: „Als Rettungsschwimmer bin ich inzwischen ein bisschen zu alt…“
Drei Fragen an Prof. Dr. Robert Mlynski (42), Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie „Otto Körner“ der Universitätsmedizin Rostock
Das Herzstück des Systems wandelt das Signal im Mittelohr in mechanische Schwingungen um und versetzt so die Gehörknöchelchenkette direkt in Bewegung. Diese Schwingungen werden ans Innenohr weitergeleitet und als akustische Signale wahrgenommen.
Das sprichwörtliche Gras können wir zwar nicht wachsen hören – dennoch ist unser Gehörsinn eine hochspezialisierte Antenne zur Außenwelt. Stimmen, Geräusche, Musik – alle akustischen Reize werden in der Hörschnecke in elektrische Impulse umgewandelt, die anschließend vom Gehirn „interpretiert“ werden.
Dabei ist das Ohr unser sensibelstes, genauestes und auch leistungsfähigstes Sinnesorgan. Während das Auge zum Beispiel gerade mal von 384 (violett) bis 789 THz (rot) „frequenzverdoppelnd“ sieht, überspannt unser Ohr den tausendfachen Bereich ein Frequenzband der wahrnehmbaren Schallwellen von 20 bis 20000 Hertz.
Gekrönt wird das Ganze mit einer absolut genialen 3-D-Hörfunktion, die uns leider oft erst bewusst wird, wenn wir auf sie verzichten müssen. De Facto nimmt das Hörzentrum im Gehirn alles über 10 Millisekunden Delay (Laufzeitunterschied zwischen dem rechten und dem linken Ohr) als Versatz wahr und errechnet daraus eine dreidimensionale Hörwelt. Im Dschungel der Großstadt können wir sehr genau hören, nicht nur ob ein Auto auf uns zu kommt oder sich von uns wegbewegt, sondern auch ob es schnell oder langsam ist.
Hintergrund „Schwerhörigkeit“
Lärm bedroht am stärksten den empfindlichen Hörsinn. Gefahrenquellen sind Straßenverkehr oder Baustellen, Konzerte, MP3-Player, aber auch unauffällige Dauerlärmquellen wie Haushaltsgeräte, Rasenmäher oder Computer. Am Ende zählt gerade die Summe der Geräusche: Hörzellen verkraften Stunden lang Lautstärken bis zu 85 Dezibel, doch bei 100 reicht eine Stunde, um sie zu zerstören.
Schnelltest: Wie gut hören Sie?
2.Beschweren sich andere Menschen manchmal darüber, dass Sie Ihr Radio oder Ihren Fernseher zu laut stellen?
3. Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie ein herannahendes Auto erst im letzten Moment gehört haben?
4. Überhören Sie gelegentlich den Wecker oder das Telefonläuten?
5. Sie haben Schwierigkeiten fremde Menschen am Telefon zu verstehen?
Auswertung:
Leider kann schon bei einer positiven Antwort Ihr Hörvermögen vermindert sein. Es wäre gut, wenn Sie einen professionellen Hörtest beim Hörakustiker oder Hals-Nasen-Ohrenarzt machen würden, um die Situation realistisch einzuschätzen.
Mehr Infos
Universitätsklinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-chirurgie „Otto Körner“, Doberaner Straße 137-139, 18057 Rostock, Sekretariat Prof. Mlynski: 0381/494-8301, Internet: https://hno.med.uni-rostock.de
Therapie und Klinik-Info
MED-EL Deutschland GmbH, Moosstraße 7, 82319 Starnberg, gebührenfreie Hotline: 0800 0077030, Internet: www.medel.de
Infos Schwerhörigkeit
Initiative gegen Hörverlust, Internet: www.beat-the-silence.org
Hinweis: bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der individuelle Behandlungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall den Besuch beim Arzt ersetzen. Dieser Blog dient allein der medizinjournalistischen Information.

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