Tabu. Wegen Kinkerlitzchen ist Christine Mayr noch nie zum Arzt gegangen. Als sie vor zwei Jahren bei ihrem Hausarzt in der Sprechstunde auftaucht, ist die Sachbearbeiterin sowohl körperlich als auch seelisch am Ende. „Zu dem Zeitpunkt lebte ich bereits wie ein Eremit“, kommt die 53jährige Münchnerin ins Erzählen. „Am Ende war es die Sorge um meine Ehe, die mir damals final klar machte, dass ich die Probleme mit der Verdauung nicht länger tabuisieren darf.“
„Früher hatten wir oft Freunde zum Essen zu Besuch“
Couch. In den vier Jahren zuvor hat sich die sportlich schlanke Frau immer weiter zurückgezogen in ihre Drei-Zimmer-Wohnung am Münchner Südrand. „Früher hatten wir oft Freunde zum Essen zu Besuch. Oder wir haben am Wochenende Ausflüge in die Umgebung mit Biergarten-Besuch unternommen. Jetzt saß ich am liebsten vorm Fernseher auf der Couch. Wenn mein Mann von der Arbeit nach Hause kam, hatte ich meist schon gegessen.“
Gemüse. Die bayrischen Schmankerl, die die Zwei sich früher gern geteilt haben, verträgt Christine nicht mehr. So bringt sich Jochen seine Abendbrot-Semmel mit Leberkäse oder Fleisch-Pflanzerl auf dem Heimweg von der Arbeit mit, während sie mit Obst oder Gemüse ihren Hunger bereits gestillt hat.
Apotheke. Natürlich versucht die Bayerin immer wieder, ihre quälenden Verdauungsbeschwerden, die typischerweise unmittelbar nach dem Essen auftreten, in den Griff zu bekommen. Mit einem zunehmend gesundheitsbewussten Lebensstil, mit viel Selbst-Kochen, frischen Zutaten und dem Meiden von Fertigprodukten; auch mit etliche Verdauungsmittelchen aus der Apotheke. Doch egal ob Heilerde, Entschäumer gegen Blähungen, pflanzliche Kräuter-Mixturen und auch das Schnapsel nach dem Essen – am Ende bringt das alles nichts.
„Je mehr ich mich gedrängt fühlte, umso mehr zog ich mich zurück“
Verzicht. „Deshalb fing ich mit dem Verzichten an. Erst beim Fleisch. Dann kamen die Milchprodukte an die Reihe. Schließlich alles, was Weizen enthält,“ erzählt sie.
Peinlich. Es gibt eigentlich keine Unverträglichkeits-Diät, die Christine Mayr nicht zumindest kurz ausprobiert. Erfolg hat sie wenig bis gar nicht. „Was mir einmalig half, konnte schon in der nächsten Woche wortwörtlich in die Hose gehen. Um meine Toilettengänge nicht ständig rechtfertigen zu müssen, begann ich, Einladungen abzusagen. Auch ins Restaurant bekam mich mein Mann immer seltener. Je mehr ich mich gedrängt fühlte, umso mehr zog ich mich zurück.“
Störung. In den letzten Monaten kommen bleiernde Müdigkeit und Konzentrationsstörungen nach jeder größeren Mahlzeit dazu. Christine ist froh, dass sie überwiegend in Homeoffice arbeiten darf. Entspannen kann sie da nur noch in den eigenen vier Wänden – mit eigener Toilette in der Nähe.
Termin. „Bei all den Problemen war mir klar, dass die Entfremdung kein Dauerzustand bleiben kann“, sagt sie. „2023 ging ich zum Hausarzt, schilderte ihm so genau wie möglich, wann welche Beschwerden auftreten. Und ich hatte Glück: der Mann nahm sich Zeit und hörte mir wirklich zu.“
Normal. Aufgrund der Beschwerden tippt der Mediziner auf einen Mangel an Verdauungsenzymen, die so genannte „Exokrine Pankreasinsuffizienz“ (kurz EPI). Umgehend lässt er seine Patientin einen Stuhltest machen. „Ergebnis war ein Elastase-Wert von über 210. Das lag – wenn auch knapp – im Normbereich“, berichtet sie. „So ging die Ursachensuche im Wochentakt weiter.“
Die Bagatellisieren ärgert die Münchnerin
Verrückt. Verdacht für Verdacht wird erhoben. Es wird getestet, geschallt, Blut abgenommen, gespiegelt. Am Ende des Diagnosemarathons ist bei Christine alles ganz normal. „Es war zum Verrückt werden!“
Ergebnislos. Bis heute klingen die Sätze des Hausarztes bei ihr nach: „Da wir nichts gefunden haben, bleiben als Ausschlussdiagnose nur die üblichen RDS-Beschwerden. Also Reizdarm. Das ist die neue Zivilisationskrankheit. Da kann ich leider nur wenig machen. Je eher Sie lernen, ihren Bauch zu ignorieren, um so besser!“
Mutlos. Die Bagatellisierung ärgert die Münchnerin. „Ich nahm immer mehr ab, hatte Angst, mich regelrecht aufzulösen. Anfang des Jahres erzählte ich davon meinem Apotheker. Wieder einmal war ich auf der Suche nach einem Verdauungsmittelchen, von dem ich im Internet gelesen hatte. Und der Mann erklärte mir nun, dass bei typischen Beschwerden versuchsweise doch Verdauungsenzyme eingesetzt werden können. Auch wenn laut Labor keine messbare ,Exokrine Pankreasinsuffizenz‘ vorliegt.“
Normalerweise produziert die Bauchspeicheldrüse ausreichend Enzyme
Ekel. Als der Apotheker ihr allerdings tierische Verdauungsenzyme aus der Bauchspeicheldrüse vom Schwein verkaufen will, winkt sie dankend ab. „Nachdem ich so lange bereits auf Fleisch verzichtet hatte, ekelte ich mich. Stattdessen besorgte ich mir die vom Apotheker erwähnten medizinischen Leitlinien zu „intestinalen Motilitätsstörungen“. So kam ich auf die Idee, mich an einen der Experten im Rahmen einer Zweit-Meinung zu wenden. In meinem Fall: Professor Storr.“
Bekannt. Der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie am Zentrum für Endoskopie in Starnberg gehört zu den renommiertesten Experten funktioneller und entzündlicher Magen- und Darmerkrankungen hierzulande. Er hat zahlreiche Bücher zu dem Thema veröffentlicht.
Verdacht. Nachdem eine erneute Darmspiegelung und Atemtests keinen Hinweis auf eine chronische Entzündung oder eine Lebensmittelunverträglichkeit liefern, schließt sich der Experte der Reizdarm-Diagnose des Hausarztes an. „Getriggert durch eine Schwäche der Bauchspeicheldrüse, die normalerweise die Enzyme für eine ausreichende Verdauung produziert,“ so der Mediziner.
Vegegetarisch. Deshalb ermuntert Professor Storr seine Patientin – wegen der typischen Blähungen mit häufigem, weichem Stuhlgang direkt nach dem Essen – zum „probeweisen Einsatz“ von zusätzlichen Verdauungsentzymen. Allerdings nicht auf tierischer Basis, sondern pflanzlicher. „Die Verdauungsenzyme, zum Beispiel aus Reispilzen, sind säurestabil und haben damit ein verlängertes Wirkfenster. Sie unterstützen die Verdauung schon im Magen und nicht erst im Dünndarm wie körpereigene Verdauungsenzyme“, erklärt er Christine Mayr.
FODMAP-Diät hilft auch Menschen ohne nachweisbare Unverträglichkeiten
Unterstützend. Begleitend zu den Verdauungsenzymen, die sie von nun an zu jeder Haupt- und Ziwschenmahlzeit unterstützend einnimmt, empfiehlt Professor Martin Storr eine FODMAP-Diät, die bei Reizdarmpatienten oft gute Wirkung zeigt. „Die Abkürzung FODMAP kommt aus dem Englischen und steht für fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole“, erklärte der Facharzt. „FODMAPs sind eigentlich unbedenklich. Sie können aber an der Entstehung von Verdauungsbeschwerden beteiligt sein, weil sie von Darmbakterien vergärt – sprich fermentiert – werden.“
Profit. Das neue an der FODMAP-Diät ist, dass auch Menschen ohne nachweisbare Unverträglichkeit gegen einzelne FODMAPs wie Laktose, Fruktose oder Zuckerersatzstoffe davon profitieren, wenn sie die kurzkettigen Kohlehydrate, also Zucker, für eine gewisse Zeit insgesamt reduzieren.
Symptomatisch. „Diese Diät sieht nicht vor, komplett alle FODMAPs zu eliminieren, sondern nur so stark zu reduzieren, dass die verbleibenden FODMAPs keine Symptome mehr verursachen“, erläutert Professor Storr. So erfährt Christine, dass Äpfel und Birnen zum Beispiel deutlich mehr FODMAPs enthalten als Orangen, Kiwi oder Honigmelone; Spargel, Erbsen und Blumenkohl die Verdauung mehr belasten als Tomaten, Kürbis oder Brokkoli.
Lecker. „Dank der zahlreichen Tipps, die mir Professor Storr gab, war die Umstellung beim Kochen nicht nur einfach, sondern auch extrem lecker. In Kombination mit der Enzymeinnahme ging seit langem von den Mahlzeiten nichts Bedrohliches aus. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich dem Körper etwas Gutes tue.“
„Auch mein Mann profitiert von meinen Verdauungshelfern“
Schnell. Der Erfolg der Kombination aus vegetarischen Rizoenzymen aus Reispilzen und der Diät stellte sich dann dramatisch schnell nach nur einer Woche ein. Die 1,65 Meter große Frau: „Die Verdauungsbeschwerden ließen nach, sowohl Stuhlfestigkeit als auch –frequenz normalisierten sich. Das gesamte Thema Verdauung verlor von Woche zu Woche an Bedeutsamkeit. Nach langer Zeit stellte ich fest, dass Leben noch so viel mehr beinhaltet, als darauf zu warten, zur Toilette zu müssen.
Das Allerbeste: Jochen und ich essen wieder zusammen. Das neue Essen schmeckt auch meinem Mann – und er verträgt es auch besser. Vor besonders fettigen und üppigen Mahlzeiten nimmt er inzwischen von meinen Verdauungshelfern in Kapselform zwei Stück ein. Er hat nämlich festgestellt, dass auch seine Bauspeicheldrüse mit zunehmenden Alter Hilfe gut gebrauchen kann.“
Experten-Interview mit Professor Martin Storr, Starnberg
Wie kommt es zu einer Darmfunktionsstörung? Eine pauschale Antwort gibt es hierauf leider nicht. Trigger können Unverträglichkeiten oder eine Bauchspeicheldrüsenschwäche sein. In vielen Fällen bleibt der konkrete Auslöser allerdings im Dunkeln. Was wir besser wissen: Der Darm verfügt über ein eigenes ,Bauchgehirn‘, das sensibel auf unsere Seelenlage reagiert. Störungen des inneren Gleichgewichts führen schnell in einen psychosomatischen „Teufelskreis“. Die ,Biofabrik‘ quittiert zunehmend sensibler Störungen mit Schmerzen, Grummeln, Stuhlgangsveränderungen und Co.
Woran erkenne ich, dass ich eine Bauchspeicheldrüsenschwäche habe? Wichtigster Hinweis ist die Stuhluntersuchung. Bei normalen Werten können typische Beschwerden wie Blähungen, Oberbauchschmerzen, häufiger Stuhlgang mit heller Farbe und weicher Beschaffenheit – oft ultimativ nach dem Essen – uns auf die richtige Spur führen. Der einfachste und logische Nachweis ist es, wenn die Einnahme der Enzyme eine Beschwerde-Linderung bringt. Dann ist eine Schwäche der Bauchspeicheldrüse sehr wahrscheinlich – trotz Laborwerten im Norm-Bereich. Wirken sie trotz richtiger Einnahme und Dosiserhöhung auch nach einigen Tagen nicht, ist eine exokrine Pankreasinsuffizienz eher unwahrscheinlich.
Gibt es eine spezielle EPI-Diät? Außer Reduktion bzw. komplette Meidung von Alkohol gibt es eigentlich keine großen Einschränkungen bei einer Bauchspeicheldrüsenschwäche. Wenn Sie Enzympräparate zu jeder Mahlzeit, aber auch zu fetthaltigen Getränken, einnehmen, können Sie nahezu alles essen und trinken. Wichtig ist, dass Sie über den Tag verteilt besser vier bis sechs kleinere Mahlzeiten zu sich nehmen, als zwei große; dass Sie langsam kauen und sich ausreichend Zeit fürs Essen nehmen; dass Sie auf eine ausgewogene und abwechlsungeiche Ernährung achten, bei der gesunde pflanzliche Öle einen hohen Stellenwert haben.
Und was ist mit meinem Lebensstil? Hier gilt, alles was der Verdauung gut tut, ist natürlich auch bei dem Verdauungsenzymmangel der Bauchspeicheldrüse hilfreich. Dazu zählt körperliche Belastung um die Darmbewegung (Peristaltik) anzuregen. Ausreichend trinken – mindestens zwei Liter Wasser, Schorlen oder koffeinfreie Tees. Stressabbau und bequeme Kleidung.
Wie setze ich die Enzyme richtig ein? Nehmen Sie die Kapseln zu jeder Hauptmahlzeit ein und auch zu fetthaltigen Zwischenmahlzeiten. Schlucken Sie die Kapseln unzerkaut mit etwas Flüssigkeit zum Essen. Nicht vorher und nicht nacher! Kauen Sie die Nahrung lang und gründlich.
Stoffwechseltalent Bauchspeicheldrüse
Das zirka 80 Gramm Leichtgewicht zwischen Magen und Darm stellt täglich bis zu zwei Liter Verdauungsspeichel her. Dieser enthält bis zu 30 Gramm Enzyme, die im Dünndarm Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate spalten. Zusätzlich sitzen auf dem 16 Zentimeter kleinen Organ eineinhalb Millionen „Langerhans-Inselzellen“. Sie schütten bei Bedarf Insulin aus. Dieses Hormon hält den Blutzuckerspiegel in Balance.
Ein erhöhtes Risiko für eine „richtige“ exokrine Pankreasinsuffizienz liegt bei Menschen vor, die an Diabetes leiden, schon mal eine Bauchspeicheldrüsenentzündung hatten, rauchen oder regelmäßig Alkohol trinken, sich in der zweiten Lebenshäflte befinden oder starkes Übergewicht haben.
Selbsthilfe: So helfen Sie der Verdauung
Das können Sie tun: Bei Störungen der Fettverdauung durch eine exokrine Pankreasinsuffizienz ist es sinnvoll, ein Enzym-Tagebuch zu führen (Download-Vorlage zum Beispiel unter https://www.nortase.de/ratgeber/service) Notieren Sie, was Ihre Beschwerden verursacht und vor allem wann sie auftreten (Tages- und Arbeitsrhythmus, Essen, Menge der eingenommenen Enzyme, sonstige Medikamente).
Bewusster Essen: Gereifte Milchprodukte wie Joghurt und Kefir (am besten selbstgemacht) stabilisieren die Darmflora und regulieren die Verdauung auf natürliche Weise. Verzichten Sie außerdem auf Alkohol, der belastet die Bauchspeicheldrüse.
Wärmen & bewegen: Wärmflasche und feuchte Wickel lösen Verspannungen und Krämpfe. Kamillentee beruhigt den Darm. Bewegung löst verspannte Muskulatur, stärkt die Darmfunktion.
Verdaungs-Kurzcheck – Habe ich einen Enzymmangel der Bauchspeicheldrüse ?
- Meine Bauchgeräusche sind manchmal so laut, dass es mir unangehnehm ist
- Ich leide vor allem nach fettigem Essen unter Blähungen und Völlegefühl
- Wenn ich groß zur Toilette muss, habe ich keine Zeit zu verlieren
- Mein Stuhlgang ist oft sehr weich, hell und voluminös und schwimmt im Toilettenwassser oben
- Nach dem Spülen muss ich oft die Bürste benutzen und es riecht stechend scharf
- Ich habe gürtelförmige Schmerzen und Krämpfe im Oberbauch
- Ich leide an Gewichtsverlust
- Ich leide unter anhaltender, wiederkehrenden Müdigkeit
Auswertung: Je öfter Sie mit Ja geantwortet haben, desto wahrscheinlich ist es, dass Sie an einem Verdauungsenzymangel der Bauchspeicheldrüse leiden. Auch wenn nur zwei oder drei Beschwerden auftreten, sollten Sie Ihren Arzt bei nächster Gelegenheit ansprechen. Nehmen Sie dazu gerne den Kurzcheck mit.
Therapeutenkontakt:
Zentrum für Endoskopie – Gastroenterologie Starnberg, Oßwaldstraße 1, 82319 Starnberg, Tel.: 08151/971096, Internet: www.endoskopiezentrum-starnberg.de
Buchtipp
„Gesunde Darmflora“ von Martin Storr und Sabine Karpe, Trias 24,00 EUR
Kosten
Zur „probatorischen“ (versuchsweisen) Selbstbehandlung kosten 20 Rizoenzymkapsel (z.B. Nortase) circa 15 Euro (Apotheke). Pro Mahlzeit werden ein bis drei Hartkapsel zum Essen eingenommen. Zu Risiken und Nebenwirkungen informiert fragen Sie bitte Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder in Ihrer Apotheke.
Hinweis: Bei der vorgestellten Patienten-Reportage handelt es sich um einen Einzelfall. Der Erfahrungsbericht erhebt nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Therapieergebnisse sind generell individuell. Bitte beachten Sie, dass meine Artikel in keinem Fall eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ersetzen. Dieser Blog dient der medizinjournalistischen Information.
© medizin-reporter.blog/André Berger
