Anweisungen zur Forensik – Corona-Turbo Zahnarztpraxen?

Zwischen zahnmedizinischen Angestellten und ihren Arbeitgebern, aber auch unter den Zahnärzten selbst war in der letzten Woche Streit darüber ausgebrochen, wie in Zeiten von Corona die Praxen geführt werden sollen. Nach tagelangem Schweigen und bizarren Tipps haben die Standesvertreter jetzt die Reißleine gezogen: „Nicht erforderliche Behandlungen sollten nicht mehr durchgeführt werden!“

Dental- oder auch Dentophobie ist die Angst vor der Zahnbehandlung. Tagelang sah es so aus, als ob die übersteigerte Sorge vor dem Zahnarzt im Verlauf der Corona-Pandemie hierzulande eine dramatisch neue Bedeutung bekommt –  auch für die 95 Prozent der Deutschen, die eigentlich nicht darunter leiden:

  • Während in den meisten Kliniken nur noch wirklich unverzichtbare Eingriffe  durchgeführt werden, gab es für Zahnärzte in Deutschland bezüglich Wahl- und Wunsch-Eingriffen – den so genannten elektiven Behandlungen – tagelang keine Empfehlungen seitens ihrer Standesvertreter in Berlin.

Dabei wussten die Standesvertreter der Zahnärzte sehr wohl um das Risiko, das damit verbunden ist: „Wir und auch unser Praxispersonal arbeiten im Mund-/Rachenraum, wo sich das Virus einnistet und vermehrt. Wir sind bei unserer Tätigkeit und durch den engen Kontakt mit Patientinnen und Patienten einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt und warten händeringend auf die ersten Lieferungen mit Schutzausrüstüng“, ließ sich Dr. Wolfgang Eßer, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung in einer Pressemeldung vom Freitag, den 20. März zitieren.­­

Trotzdem blieb die Bundeszahnärztekammer auf Anfrage von medizin-reporter.blog bei ihrer Empfehlung, „die Übertragung von Viren durch anamnestisch unauffällige, symptomlos erkrankte Patienten kann durch die Einhaltung von Hygienemaßnahmenen verhindert werden.“ Und berief sich dabei, dass die Empfehlungen der Bundeszahnärztekammer vom Robert-Koch Institut (RKI) bestätigt seien.

Davon wusste man beim RKI in Berlin allerdings nichts. „Uns ist nicht bekannt, dass wir gegenüber der Bundeszahnärztekammer die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen bescheinigt hätten“, teilte eine Sprecherin des Instituts zur Erkennung, Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten  Donnerstagnachmittag gegenüber medizin-reporter.blog   mit.

Derweil formierte sich im Netz der Protest der zahnmedizinischen Angestellten gegen ihre eifrig weiterarbeitenden Arbeitgeber. Bei der Online-Plattform change.org hat Nadine Schwickert eine Petition an die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und die Bundeszahnärztekammer eingestellt. „Ich bin Zahnmedizinischen Fachangestellte und arbeite täglich trotz des Coronavirus-Ausbruches wenige cm vom Gesicht unserer Patienten entfernt“. Ihre Forderung nach der bundesweiten „Schließung der Zahnarztpraxen zur Eindämmung des Coronavirus“ haben bis Sonntag, 12 Uhr über 50000 Menschen unterschrieben.

Soweit will der Leiter der Hamburger Zahnklinik ABC Bogen, Dr. Bernhard Brinkmann nicht gehen – für die schnellstmögliche Anpassung an die ernste Pandemie-Situation ist der 63jährige allerdings schon. „Bereits am 15. März ist in der New York Times eine Studie veröffentlicht worden, dass Zahnärzte die Berufsgruppe mit dem höchsten Infektionsrisiko sind –  noch vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Rettungs- und Pflegediensten. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Klinik auf Notbetrieb umgestellt. Alle Patienten mit akuten Beschwerden werden selbstverständlich von uns behandelt. Alle vermeidbaren Behandlungen werden zum späteren Zeitpunkt nachgeholt“.

Als Brinkmann sich kurz darauf öffentlich in einem Artikel bei WELT Online darüber wunderte, dass von der Bundeszahnärztekammer keine, der Pandemie angemessene Handlungsempfehlung kommt, brach die Hölle los. Der Geschäftsführer des Medizinischen Versorgungszentrums würde eine Schädigung der freiberuflichen Praxis in Kauf nehmen, um Praxen für den Aufkauf durch einen Fond „sturmreif zu schießen“, war noch eine der freundlicheren Formulierungen.

In einer Rund-Whatsapp der Hamburger Zahnärztekammer äußerte man sich wie folgt: „reduziert man den Praxisbetrieb auf Notfallbehandlung oder schließt die Praxis ganz, besteht die akute Gefahr des schnellen wirtschaftlichen Ruins“.

Einzelberichten zu Folge trieb die mutmaßliche Sorge um die eigene Existenz Zahnärzte in Hamburg soweit, dass sie ihre Praxishelferinnen anwiesen, Patienten anzurufen, die den Appellen der Bundeskanzlerin folgen wollen, um sie davon zu überzeugen, doch in die Praxis zu kommen.

Standesvertreter forderten derweil ihre Kolleginnen und Kollegen auf, nicht mit der Gefährlichkeit von Aerosolen – Sprühnebeln, die bei zahnärztlichen Behandlung häufig entstehen – zu argumentieren, da dies massive Verschärfungen von Hygienerichtlinien nach sich ziehen könnte. „Diese unbedachten Äußerungen … könnten uns in der Post-Corona Zeit noch leidtun“, so eine Nachricht der Hamburger Kammer an die Kollegen.

Am bizarrsten allerdings die Handlungsempfehlungen der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe an die Kollegen, die einfach weiter machen wollten, wie bisher: ”Man ist sich in Vorständen und Verwaltung einig, dass kein Patient rechtswirksam wird nachweisen können, dass er sich bei seinem Zahnarzt mit Corona angesteckt haben soll, wenn die üblichen Schutzmaßnahmen eingehalten wurden.“ whatsappte  die Funktionäre nach einer Videokonferenz den Protokollpunkt „zur Forensik“

Für alle, die nicht regelmäßig „Tatort“ sehen: damit bezeichnen Experten wissenschaftliche und technische Arbeitsgebiete, in denen kriminelle Handlungen systematisch untersucht werden.

© medizin-reporter.de/André Berger, zuletzt aktualisiert: 23.03.2020, 10 Uhr

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About André Berger

Geboren in Hamburg. 1986-1990 freier Reporter. 1991 Redakteur Heinrich Bauer Verlag. Seit 1992 freier Medizinreporter Meine Arzt- & Patienten-Reportagen (Text & Fotos) erscheinen regelmäßig in den großen, wöchentlichen Publikums- und Frauenzeitschriften des Burda-Verlags, der Funke-Gruppe und des Bauer Verlages